Leitartikel "In den Köpfen entstehen neue Zäune" von Gabriele Starck vom 19.08.2019

Innsbruck (OTS) - 30 Jahre, nachdem Hunderten DDR-Bürgern die Flucht über Ungarn gelang, ist der Drang nach Freiheit bei vielen Bürgern aus dem ehemaligen Ost-Block dem Wunsch nach einer geschlossenen Gesellschaft gewichen.

Gefeiert als Sieg der Freiheit über den Totalitarismus und der Vielfalt über das Einförmige: Vor 30 Jahren ist die vom Westen geächtete Zwangs­trennung Europas durch Mauern und Zäune in sich zusammengefallen. Als am 19. August 1989 rund 600 DDR-Bürger eine kurze symbolische Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze zur Massenflucht nutzten, riss dies das erste ganz große Loch in das Bollwerk, das von den Machthabern in Osteuropa euphemistisch als Schutzwall bezeichnet worden war.
30 Jahre später ist von Jubel und Aufbruchstimmung keine Spur mehr – weder hüben noch drüben. Noch immer sind Ost und West keine Einheit, noch immer scheint eine Trennlinie mitten durch Europa zu verlaufen – auch ohne Stacheldraht. Die Schranken in vielen Köpfen sind nach wie vor existent und sie werden wieder mächtiger.
Wie ist es anders zu erklären, dass in zwei ostdeutschen Bundesländern Anfang September eine Partei als Sieger aus einer Wahl hervorzugehen droht, die bewusst gegen Vielfalt, Toleranz und die europäische Einigung auftritt. Wie anders ist es möglich, dass in Ungarn ein Mann mit großer Zustimmung regieren kann, der Meinungs-und Wissenschaftsfreiheit abschafft und die Demokratie mit Füßen tritt, indem er sie sich illiberal wünscht – also in der Freiheit eingeschränkt. Ausgerechnet in Ungarn, jenem Land, das vor 30 Jahren die Öffnung des Ostens erst ermöglichte, indem es die Zäune abzubauen begann.
Es ist eine falsch verstandene Freiheit, die rechtspopulistische Politiker den Menschen als Lösungsansatz für ihre Probleme andienen – nämlich die, sie von äußeren Einflüssen zu befreien: von Menschen, die anders aussehen, anders denken, anders sind. Von fremden Märkten, die auf den eigenen drängen, und von Fakten, die Veränderung erzwingen.
Die Freiheit zu etwas hingegen betrachtet Neues mit Interesse. Sie ermöglicht zu prüfen und abzuwägen, was das Neue, das Andere Positives beinhalten und annehmbar machen könnte und wogegen gehandelt werden muss. Die Freiheit zu etwas ist immer unbequemer als die vermeintliche Sicherheit durch Abschottung.
Doch ausgerechnet die Versuchung, neue Grenzen nach innen und außen aufzubauen, eint die Europäer in Ost und West. Die Bereitschaft, Freiheit und Vielfalt der Überwachung und staatlichen Kontrolle zu opfern, ist auch in jenen Ländern wieder groß, die sich schon seit 60 Jahren rühmen, in einer freien Welt zu leben.

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