Leitartikel "Angezapft, abgehört und manipuliert" vom 9.8.2019 von Max Strozzi

Innsbruck (OTS) - Wer sich vernetzte Lautsprecher ins Haus holt, wird abgehört. Wer so genannte soziale Netzwerke nutzt, wird angezapft. Web-Riesen und Datenhandel sind zu mächtigen Instrumenten geworden. Ihre Grenzen müssen neu diskutiert werden.

Microsoft-Mitarbeiter hören Skype-Gespräche mit, Google zeichnet über seine vernetzten Lautsprecher auf, was wir so reden, Amazon lässt Aufnahmen über seine „Wohnzimmer-Wanze“ Alexa ebenso von Menschen auswerten wie Apple Spracheingaben über seinen Sprachassistenten Siri. Und alle Konzerne wollen mit den Lauschangriffen natürlich nur das Beste für uns alle, in diesen Fällen die Spracherkennung verbessern. Dabei dürfte es solchen Internetriesen wie Google, die alle drei Monate Milliardengewinne schreiben, wohl nicht am nötigen Kleingeld mangeln, um ihre Geräte, Sprachdienste oder Übersetzungssoftware mit herkömmlichen Methoden zu verbessern, ohne in die Privatsphäre der Menschen einzudringen.
Es ist aber auch erstaunlich, wie viele Nutzer bereit sind, sich digital zu entblößen, nur um kostenlos Bilder zu verschicken oder über Alexa die Musikanlage auszuschalten, bloß weil man für die paar Schritte zu bequem ist (abgesehen natürlich von denen, die auf derlei Hilfen angewiesen sind). Dafür nimmt man in Kauf, alles von sich preiszugeben: persönliche Daten, Vorlieben, Gespräche, Kontakte, Privatfotos, politische Ansichten. Trotz diverser Datenskandale bleibt der Leichtsinn des Einzelnen aber ungebrochen. Das macht es Firmen leicht, beispielsweise öffentlich zugängliche Daten von Instagram-Nutzern zu sammeln und zu verwerten – legal oder illegal. Ginge es „nur“ darum, uns über geschickt platzierte Werbung Produkte anzudrehen, könnte man meinen, die ganze Sache sei halb so schlimm. Wer drauf reinfällt, ist selbst schuld. Nicht zuletzt seit Trumps Wahl zum US-Präsidenten ist aber bekannt, wie Geschäftsmodelle mit Nutzerdaten funktionieren und zur Manipulation ganzer Gesellschaftsteile eingesetzt werden können. Internet-„Trolle“ verbringen den ganzen Tag damit, bestimmte Menschengruppen gezielt mit Inhalten zu bombardieren, um deren Meinung zu beeinflussen oder Ressentiments zu schüren. Das kam zwar auch in der analogen Welt vor, in der digitalen sind aber Reichweite, Geschwindigkeit und Wirkung solcher Methoden exponenziell gestiegen. Deshalb ist der Appell an die Eigenverantwortung richtig, genügt aber nicht. Von selbst werden die Facebooks und Co. ihren Hunger auf alles Private nicht ablegen. Damit verdienen sie Geld. Nicht einmal Milliardenstrafen schrecken ab – die haben sie rasch wieder hereingespielt.
Internet-Giganten und Datenhandel haben sich zu einem viel zu mächtigen Instrument entwickelt. Bei beiden müssen die Grenzen neu diskutiert werden.

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