TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 30. Juli 2019 von Max Strozzi - Mit Jobs gegen die Scharfmacher

Innsbruck (OTS) - Flüchtlinge haben keinem Österreicher eine Stelle weggenommen. Die brummende Wirtschaft war für die Integration ein Glücksfall. Jetzt braucht es auch vom neugewählten Europa Lösungen, um Scharfmachern das Wasser abzugraben.
Der Wirtschaftsmotor, der seit der Finanzkrise 2009 auch dank tatkräftiger Billiggeld-Politik ordentlich brummt, hat in Österreich einige Folgen der Flüchtlingswelle abfangen können. Rund 44 Prozent der 2015 nach Österreich gekommenen anerkannten und damit auch arbeitsberechtigten Flüchtlinge haben laut Zahlen des AMS einen Job. Angesichts der Umstände, dass viele erst die Sprache lernen müssen, ihnen mitunter die gewünschte Ausbildung fehlt, ihre Berufskenntnisse nicht immer anerkannt werden und ihnen auch mit Ressentiments begegnet wird, ist diese Bilanz zunächst einmal gar nicht so übel. Dass Flüchtlinge den Österreichern den Job wegnehmen würden, hat sich jedenfalls als Mär der Scharfmacher entpuppt. Vielmehr verrichten viele Asylberechtigte Arbeiten, zu denen hierzulande immer weniger bereit sind. Etwa in der Landwirtschaft – also als Erntehelfer meist kniend bei Wind und Wetter das Gemüse zupfen. Oder als Hilfsarbeiter am Bau – auch kein Honiglecken in Anbetracht dessen, dass es auf Baustellen zuweilen recht rüde zugehen kann. Und am Bau findet Job-Verdrängung ohnehin anders statt: etwa über Lohndumping via Firmen, die sich im EU-Ausland ansiedeln. Zuletzt geriet die Praxis in Slowenien in die Schlagzeilen.
Im Umkehrschluss bedeuten die Zahlen aber auch, dass mehr als die Hälfte aller anerkannten Flüchtlinge noch nicht im heimischen Arbeitsmarkt integriert sind. Insgesamt reden wir von bundesweit rund 30.000 arbeitslosen Flüchtlingen (von derzeit insgesamt 324.000 Arbeitslosen in Österreich), deren Zahl schwankt je nach Saison: Im Sommer sinkt sie unter die Marke von 30.000, im Winter klettert sie darüber. Wie nachhaltig außerdem diese Saisonaljobs sind, wenn die Wirtschaft nicht mehr so brummen sollte, bleibt natürlich fraglich. Hier teilen aber Flüchtlinge wie Nicht-Flüchtlinge das gleiche Schicksal.
Heuer sind im ersten Halbjahr etwa 4000 Flüchtlinge nach positivem Asylbescheid beim AMS neu vorstellig geworden. Inwieweit es gelingt, auch sie nachhaltig in die Gesellschaft zu integrieren, hängt aber nicht nur von einer erfolgreichen Jobvermittlung in Österreich ab. In erster Linie muss es dem neu gewählten Europa und damit den einzelnen EU-Staaten gelingen, rund um die Flüchtlingsproblematik konkrete Lösungen zu finden und damit jenen Gruppierungen das Wasser abzugraben, die damit agitieren und denen es daher ganz recht ist, wenn das Erregungsniveau dauerhaft hoch bleibt.

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