TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Auf dem Weg zu leistbarem Grund", von Anita Heubacher

Ausgabe vom Freitag, 19. Juli 2019

Innsbruck (OTS) - Der Traum vom Häuschen im Grünen treibt den kleinen Häuslbauer in immer noch disloziertere Lagen und die Bauträger pflastern jedes Grundstück zu. Nachhaltig ist das nicht und außerdem am Wohnbedarf schon längst vorbei.

Der Traum vom Häuschen im Grünen wurde politisch jahrzehntelang befeuert. Es war das Sinnbild der Leistungsgesellschaft, es symbolisiert die Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs im Sinne von „Fleiß lohnt sich“. Das Häuschen im Grünen hielt das Hamsterrad am Laufen, das des Arbeitnehmers mitunter durch finanzielle Abhängigkeit und das der Wirtschaft durch Konsum. Spätestens seit der Finanzkrise und dem Immobilien-Preisauftrieb ist der Traum vom Häuschen im Grünen immer schwerer umzusetzen. Ein Haus zu bauen, wird in Teilen Tirols zur elitären Angelegenheit. Ohne Erbschaft oder Schenkung ist das Eigenheim trotz Leistungswillen nicht mehr zu verwirklichen. Das Fundament und damit das politische Versprechen hat Risse bekommen.
Und dennoch wird gebaut und gebaut und gebaut. Von den klassischen Häuslbauern in immer dislozierteren Gegenden, um einen halbwegs erschwinglichen Baugrund zu ergattern, und von Bauträgern für ihre Investoren, wo auch immer ein Grundstück zum Verkauf steht. Jetzt könnte man sagen, jeder ist seines Glückes Schmied, und wenn man Einzelprojekte singulär betrachtet, ist der Grundverbrauch vielleicht auch nicht so exorbitant. Das Gesamtbild erfordert jedoch ein radikales Umdenken. Jetzt, wo Klimawandel und Nachhaltigkeit so en vogue sind, stellen vielleicht mehr Tiroler fest: Nachhaltig ist das nicht, wie wir in den letzten Jahrzehnten unseren Lebensraum besiedelt haben. Im Gegenteil, wir haben geklotzt und nicht gekleckert und mit unserer Siedlungspolitik dafür gesorgt, dass alles ein bisschen komplizierter, teurer und ressourcenintensiver wird.
Am Ende stellen wir fest, dass das Häuschen im Grünen auch nicht automatisch Wohnzufriedenheit bedeuten muss, und stehen vor der Herausforderung, wie wir es schaffen sollen, eine immer älter werdende Bevölkerung in den noch so entlegenen Gebieten zu versorgen. Da sitzt die Pflegehilfe länger im Auto als beim Patienten. Im Jahr 2030 ist knapp ein Fünftel der Tiroler älter als 65 Jahre und es kommen weniger Junge nach, die die Pflege überhaupt übernehmen könnten.
Es lebt sich gut und vielleicht sogar noch besser, wenn man etwas zusammenrückt, etwas Altes revitalisiert. Die Politik sollte ihr Narrativ ändern, aber vor allem, besser gestern als heute, ihre Raumordnungspolitik. Die verliert sich in Kirchturmdenken und Einzelinteressen zu Lasten der Allgemeinheit.

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