TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Ein Quantum Mut und Geld", von Peter Nindler

Ausgabe vom Dienstag, 16. Juli 2019

Innsbruck (OTS) - Wenn Dutzende Bürgermeister vorzeitig das Handtuch werfen wollen, dann müssen in der Politik die Alarmglocken schrillen. Zum einen sollten Gemeindefusionen enttabuisiert, andererseits die Ortschefs finanziell bessergestellt werden.

Bürgermeister müssen politisch nicht heiliggesprochen werden, weil sie gerade in Tirol in der Bodenpolitik vielerorts zu zaghaft agieren. Allerdings repräsentieren sie das starke, bürgernahe Rückgrat Österreichs, wie es vor wenigen Wochen Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein so treffend ausgedrückt hat. Nur die Ortschefs und die kleinstrukturierte Gemeindelandschaft in Tirol geraten zunehmend unter Druck. Die Aufgabenvielfalt gepaart mit fortwährend angespannten Gemeindekassen lassen meist entnervte Bürgermeister zurück. Obwohl sich in der Politik nach wie vor immer jemand findet, der zum geeigneten Zeitpunkt „Hier“ schreit, kann vielfach das Wollen mit der Qualität kaum noch mithalten.
Andererseits wiegt die gemeindebürgerliche Erwartungshaltung an die Bürgermeister schwer: weil sie eigentlich den einen alles ermöglichen und anderen etwas verbieten sollen. Hingegen scheint die strukturelle Überforderung in den Gemeinden lösbar zu sein, nur müssten die Regional- und Kommunalpolitiker dafür endlich über ihren eigenen Schatten springen. Die Zusammenlegung von Gemeinden, die den kleinen Verwaltungseinheiten von der Amtsverwaltung bis hin zu den Bauhöfen deutlich mehr Luft verschaffen würde, könnte eine Antwort auf den aufgestauten Frust der Bürgermeister sein. Gemeindeübergreifende Kooperationen lassen zwar den politischen Kirchturm im Dorf, würden allerdings ebenfalls zu einer Entlastung führen. Die Freiwilligkeit bleibt jedoch stets der Unsicherheitsfaktor. Gute Absichten laufen nicht selten Gefahr, im Sand zu verlaufen. Viele Pläne, aber wenig Effizienz – das wird dann zum Bumerang für die politisch forcierten Gemeindekooperationen. Da wäre es schon gescheiter, offen und ehrlich über Fusionen zu reden. Wahrscheinlich benötigt es in Zukunft auch einen neuen Typus von Bürgermeister; einen, der nicht jeden Gemeindelift und nicht jede teure kommunale Infrastruktur bedingungslos akzeptiert. Ortschefs, die aus Kostengründen weniger Vereinslokale, sondern die örtlichen Gastronomiebetriebe forcieren. Und die über effiziente Strategien bei der Feuerwehr nachdenken, vor allem, wenn die Entfernung von einem Feuerwehrhaus zum anderen nur wenige Kilometer beträgt. Ein Quantum Mut könnten die Bürgermeister deshalb schon vertragen. Sowie mehr Anerkennung in finanzieller Hinsicht. Nur da geht es ihnen gleich wie dem Bundesheer. Sie werden über den grünen Klee gelobt und verhungern zugleich am ausgestreckten Arm.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001