Leitartikel "Ein absurder Wahlkampf" vom 17.06.2019 von Serdar Sahin

Innsbruck (OTS) - Von Vetternwirtschaft bei der FPÖ über ein Massengebet für Sebastian Kurz bis hin zu wenig schmeichelhaften Aussagen eines Ex-SPÖ-Chefs über seine Nachfolgerin. Dieser Wahlkampf dürfte ein schräger werden.

Der Wahlkampf ist noch nicht einmal voll angelaufen, doch schon jetzt mangelt es nicht an Absurditäten. Da haben wir einmal den gefallenen FPÖ-Chef und Vizekanzler Heinz-Christian Strache. Der will nach langem Zögern nun zwar doch nicht sein EU-Mandat annehmen, dafür kandidiert im Gegenzug seine Gattin Philippa auf wählbarer Stelle der FPÖ für den Nationalrat. Auch wenn Strache einen Deal abstreitet, sieht das Ganze wie Vetternwirtschaft aus.
Der Ex-FPÖ-Frontmann, der in einer Finca auf Ibiza einer vermeintlichen russischen Oligarchin unter anderem das österreichische Wasser verhökern und die Medienlandschaft in seinem Sinne neu aufstellen wollte, denkt nicht an ein politisches Ende. Warum auch. Er sieht sich als Opfer – spricht von einem „politischen Attentat“. Er verspürt „großen Rückhalt“ bei seinen Wählern. Er glaubt an das politische Comeback nach einer Reinwaschung. Doch was soll da gewaschen werden? Ob der designierte FPÖ-Chef Norbert Hofer das damit meinte, als er im Wahlkampf um die Hofburg sagte, dass man sich noch wundern werde, was alles möglich ist? Wohl nicht, aber irgendwie hat er Recht.
Ein Wunder gab es in der Wiener Stadthalle zwar nicht, aber Absurdes trug sich zu – und für Österreich Ungewohntes. Bei einer religiösen, sektenartigen Veranstaltung legte der evangelikale Prediger und gebürtige Australier Ben Fitzgerald seine Hand auf die Schulter von ÖVP-Obmann Sebastian Kurz und sprach ein „Segensgebet“ für ihn. Die 10.000 Teilnehmer des Groß-Events „Awakening Europe“ beteten mit. Und dankten Gott für die große Weisheit des Sebastian Kurz. Der Altkanzler ließ auf der Bühne alles ruhig über sich ergehen. Tags darauf verteidigte er seinen Auftritt bei den religiösen Fundamentalisten.
Es war sehr heiß dieser Tage. Da spielt einem oft die Selbsteinschätzung einen Streich. So mag es erklärbar sein, dass der frühere SPÖ-Chef und Kanzler Christian Kern seiner Nachfolgerin und seiner Partei am Beginn des Wahlkampfes wenig Schmeichelhaftes ausgerichtet hat. Er sieht kaum Chancen beim kommenden Urnengang, von der Personalauswahl seiner Nachfolgerin Pamela Rendi-Wagner hält er wenig. Ist es gekränkte Eitelkeit, die da aus Kern spricht? Schon möglich.
Das alles ist erst der Anfang. Gewählt wird Ende September. Da dürften noch hitzige Tage auf uns zukommen. Wir müssen uns wohl auf einen schrägen Wahlkampf einstellen.

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