Leitartikel "Der grüne Rückenwind" vom 17.06.2019 von Michael Sprenger

Innsbruck (OTS) - Die Öko-Partei ist drauf und dran, zwei Jahre nach ihrem Absturz ein fulminantes Comeback hinzulegen. Die Grünen können im Herbst stärker als je zuvor ins Parlament zurückkehren. Alle Rahmenbedingungen sprechen dafür.

Blick zurück: Frühsommer 2017.
Sebastian Kurz ist der neue Shooting­star der ÖVP auf dem überschaubaren österreichischen Politik-Himmel. Er kündigte kurz zuvor die Koalition mit der SPÖ auf. Kurz sprach nur noch vom Stillstand, den es zu beenden gilt, und Routen, die er schließen will. Die Flüchtlingssituation ist das bestimmende und alles beherrschende Thema. Kurz nützte es für seine Grunderzählung im Wahlkampf. Alle Umfragen zeichneten fortan das Bild des Dreikampfs zwischen SPÖ, ÖVP und FPÖ um den ersten Platz. Die Grünen hingegen waren mit sich selbst beschäftigt. Ihre Frontfrau Eva Glawischnig trat zurück, interne Streitereien waren an der Tagesordnung, Peter Pilz ebnete den Weg für eine neue Partei.
Der Wahlausgang ist bekannt. Kurz und sein neuer bester Freund von der FPÖ, Heinz-Christian Strache, bildeten eine rechtskonservative Regierung. Die Grünen flogen aus dem Parlament. ÖVP und FPÖ starteten ein Projekt zum Umbau der Republik. Sie sahen ihr Bündnis für die Dauer von zwei Legislaturperioden. Nach knapp 17 Monaten war Schluss. Ein skandalöses Video mit Strache als Hauptakteur wurde bekannt. Es offenbarte für all jene, die immer noch glaubten, die FPÖ sei die ach so anständige Partei des kleinen Mannes, das wahre Gesicht der „sozialen Heimatpartei“.
Frühsommer 2019. In Österreich regiert ein Expertenkabinett, die FPÖ ist mit sich selbst beschäftigt, die SPÖ sucht sich und Kurz ist nicht mehr Kanzler, seine Getreuen nicht mehr Minister.
Nutznießer von alledem sind jetzt die Grünen, die unerwartet früh ihre zweite Chance bekommen. Bei der EU-Wahl feierten sie bereits einen großen Erfolg. Parteiintern herrscht eine positive Stimmung wie seit Jahren nicht mehr. Und mit der Bedrohung durch den Klimawandel gibt es – nicht zuletzt wegen des Engagements von Greta Thunberg – ein weltweit beherrschendes Thema. Lange Jahre wurden die Grünen belächelt für ihren Kampf für die Umwelt und die Natur. Heute lachen nur noch Ignoranten.
Die Grünen haben das Momentum auf ihrer Seite – und sie haben eine Grunderzählung für den Wahlkampf bekommen, welche allen anderen Parteien so noch fehlt.
Die Prognose sei gewagt. Wir werden jetzt – von Kurz bis Hofer – die wunderbare Verwandlung in lauter Klimaschützer erleben. Doch ein Blick nach Deutschland zeigt: Inhalt schlägt Inszenierung. Die Grünen liegen dort bereits vor der CDU.

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