TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 6. Juni 2019 von Peter Nindler "„Trotz Strache“ wird nicht funktionieren"

Innsbruck (OTS) - Die Posse um das EU-Mandat von HC Strache entzaubert die soziale Heimatpartei FPÖ. Der Ex-Obmann zieht die FPÖ derzeit an einem Nasenring durch den beginnenden Nationalratswahlkampf. Die Funktionäre sind verärgert. Zu Recht.

Allen Politikern geht es nur um ihr Gerstl. Der ehemalige Obmann der sozialen Heimatpartei FPÖ Heinz-Christian Strache befeuert mit seinen EU-Mandatsgelüsten einmal mehr die Politikverdrossenheit. Und die pauschalen Vorurteile, dass die Politiker in Österreich alle gleich sind. Das sind sie aber nicht.
Zugleich schafft es die FPÖ tatsächlich, eine Vereinbarung mit Strache als Durchbruch zu verkaufen, obwohl sich nichts geändert hat. Null. Sollte Strache sein EU-Mandat annehmen, werde er auf alle Parteifunktionen verzichten, verkündet dessen designierter Nachfolger Norbert Hofer. Hoffen die Freiheitlichen gar, dass die Österreicher an einem politischen Blackout leiden und Straches Rücktritt von allen Funktionen vor zweieinhalb Wochen schon wieder vergessen ist? Mitnichten. Der kleine Mann oder die Mindestpensionistin von nebenan, um die sich die sozialen Blauen seit Jahren sorgen, leiden sicher nicht an Gedächtnisschwund.
Deshalb haben einzig und allein die Freiheitlichen ein Problem mit ihrem ehemaligen Aushängeschild. Nach dem Ibiza-Skandal blieb Strache nur noch der Rücktritt, jetzt sitzt er im Trotzwinkerl. Das Opfer sei eigentlich er, das Mandat stehe ihm zu, und überhaupt (...). Damit bringt er allerdings seine Partei in Bedrängnis, die mit einem „Jetzt erst recht“-Wahlkampf bei den EU-Wahlen noch mit einem blauen Auge davongekommen ist. Der Spagat mit einer „Trotz Strache“- und „Jetzt erst recht“-Kampagne wird der FPÖ im Nationalratswahlkampf nicht mehr gelingen. Ein HC im EU-Parlament wäre wohl eine zu große Hypothek. Dass die FPÖ nach all den Jahren einen Versorgungsauftrag für Strache empfindet, kann man ja noch mit viel Mildtätigkeit und sozialer Empathie nachvollziehen. Doch nicht in der ersten Reihe und politisch weg ist nun einmal weg. Wenngleich? Bei Jörg Haider hat es funktioniert, dass er plötzlich immer wieder da war. Jetzt hängt Straches offensives Kokettieren mit einem EU-Mandat jedoch wie ein Damoklesschwert über der Partei. Wie soll sie im Wahlkampf in die Gänge kommen, wenn sie Strache wie ein Klotz am Bein bremst?
Viele Funktionäre erwarten sich folglich als Schadensbegrenzung einen Verzicht auf den EU-Sitz oder zumindest Straches freiwilligen Rückzug aus der FPÖ. Schließlich geht es für sie bei der Nationalratswahl ebenfalls um Mandate und Posten. Vielleicht wieder um eine Regierungsbeteiligung, die Strache bereits einmal in die Luft gesprengt hat.

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