Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 20. Mai 2019. Von WOLFGANG SABLATNIG. "Und keiner will’s gewesen sein".

Innsbruck (OTS) - Nach dem Platzen der türkis-blauen Koalition von Sebastian Kurz positionieren sich die bisherigen Partner neu. Fest steht: Der Harmonie wird unerbittliche Konfrontation folgen. Aber Läuterung? Einsicht? Keine Spur.

Der Rosenkrieg wird auf offener Bühne ausgetragen: Sebastian Kurz nutzte am Samstagabend die ZiB, um seine Absage an die Freiheitlichen unters Wahlvolk zu bringen. Ja, die FPÖ sei nach der Wahl 2017 die einzige Partei gewesen, die für eine Zusammenarbeit zu haben gewesen sei. Aber die Einzelfälle! Das Rattengedicht! Und nun das Ibiza-Video! Er, Kurz, habe im Interesse des Erfolges viel ausgehalten. Aber jetzt sei es genug. Fast 1,9 Millionen Menschen allein im ORF haben diesen Auftakt zum türkisen Wahlkampf live im Fernsehen verfolgt.
Die Antwort der Blauen gibt einen Vorgeschmack auf das, was an Konfrontation auf uns zukommt. Wir, die Freiheitlichen, hätten ja weiterregieren wollen. Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus hätten genau deshalb die Verantwortung übernommen und seien zurückgetreten.
Die EU-Kandidatin Petra Steger verstieg sich sogar zur Bemerkung, dies sei ein „großer, selbstloser Schritt“ Straches gewesen – als ob dieser eine andere Möglichkeit gehabt hätte, nachdem er in einem Anfall von Leichtsinn und Dummheit sein Innerstes nach außen gekehrt hat.
Abgesehen von diesem unwürdigen Spiel, das dem Ende der verordneten Harmonie folgt: Der kritische Blick auf die vergangenen eineinhalb Jahre fehlt auch bei Kurz, wenn dieser meint, nun schade die FPÖ wirklich dem Ansehen des Landes.
Erst jetzt? Wie oft haben sich andere fremdschämen müssen, als es nicht möglich war, für nicht einmal 1000 Lehrlinge eine humanitäre Lösung zu finden? Als der ORF unerbittlich attackiert wurde? Als der Innenminister aus einer Laune heraus die Asyl-Erstaufnahmestellen zu „Ausreise­zentren“ erklärte? Als der Ton von der Regierungsbank in Richtung Abgeordnete immer rotziger wurde? Als der Verfassungsschutz beschädigt wurde?
So wie die Blauen sich bei Strache und Gudenus abputzen, genauso putzt sich Kurz jetzt an den Blauen ab. Dabei wären Einsicht und Läuterung erste Schritte zu einer Politik, die geeignet wäre, im Sinne von Bundespräsident Alexander Van der Bellen das Vertrauen wiederherzustellen.
Alles andere wird nach der Wahl im September ohnehin schwer genug. Denn auch die Gräben zwischen ÖVP und SPÖ sind tief wie schon lange nicht. Und ob andere Mehrheiten möglich sein werden, ist ungewiss. Nach dem Selbstfaller Straches wird ein neuer Ausweg aus dem langjährigen Polit-Patt nötig sein. Der schwarz-türkis-blaue Weg mag als solcher erschienen sein, hat sich aber als nicht tragfähig erwiesen.

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