TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel vom 16.Mai 2019 von Anita Heubacher - „Reformen? Nicht mit den Länderchefs“

Innsbruck (OTS) - Was bei den Apothekern klappt, scheint bei Wahlärzten nicht möglich. Bereitschaftsdienste am Wochenende müssen nur Kassenärzte stemmen. Wahlärzte halten sich zurück. Ein Ergebnis der österreichischen Gesundheitspolitik.

Noch haben wir genügend Geld, um es in ein wenig effizientes Gesundheitssystem zu pumpen, damit das Werkel im Großen und Ganzen gut läuft. Die Gelder könnten besser eingesetzt werden, wenn die Finanzierung aus einer Hand käme. Aber solange die beiden großen Finanziers Bund und Länder sich gegenseitig die Kosten und damit auch die Patienten zuschanzen, wird die Ineffizienz bleiben und das System nicht für alle gleich nutzbar sein.
Die Frucht des jahrzehntelangen Nicht-Reformierens ist die Zwei-Klassen-Medizin, die sich sowohl in den Spitälern als auch im niedergelassenen Bereich nicht nur etabliert, sondern ausgebreitet hat. Beim Patienten ist die von der Politik stets verneinte Existenz der Gleichen und Gleicheren in der Medizin angekommen. Dementsprechend ist die Zahl der Zusatzversicherten rasant gestiegen. Dementsprechend wird mehr operiert, mehr geröntgt und bis zum bitteren Ende behandelt, nicht in jedem Fall zum Wohle des Patienten. Kostentreibend wirkt das allemal.
Bei den Ärzten ist die Botschaft der unterschiedlichen Klassen verinnerlicht. Das sieht man an der gestiegenen Zahl der Wahlärzte und an der Wahl der Fächer an den Universitäten. In Deutschland gibt es keine Wahlärzte, in Österreich, wo man darauf setzt, dass privat mitfinanziert wird, sind sie ein Erfolgsmodell für diejenigen, die es sich leisten können.
Immer öfter zeigt das in die Jahre gekommene österreichische Gesundheitssystem Lücken auf. Darauf zu hoffen, dass diese am Wochenende von Wahlärzten freiwillig geschlossen werden, ist wohl zu viel verlangt. Da wird es politischen Willen ebenso brauchen wie eine echte Reform des Systems. Würden weit mehr Kassenstellen geschaffen, würde sich die Konkurrenz unter den Ärzten verlagern. Weit mehr Kassenstellen würden auch bedeuten, dass Ärzte pro Patienten mehr Zeit hätten, was wohl sehr viel mehr ihrem Berufsbild entspräche. Und um bessere Honorare zu bezahlen, müsste das eingesetzte Geld im Gesundheitssystem wohl nur effizienter eingesetzt werden. Womit wir wieder beim Ausgangspunkt wären. Der Kompetenzverteilung im Gesundheitsbereich zwischen Land und Bund. Reformminister Josef Moser musste erst diese Woche lernen, wie es darum steht. Sein Vorschlag, die Kompetenzen zu bereinigen und sie beim Bund anzusiedeln, wurde von den Landesfürsten in der Luft zerrissen.

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