Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 26. März 2019; Leitartikel von Peter Nindler: "Eine Spitalsreform muss weh tun"

Innsbruck (OTS) - Im Tiroler Gesundheitswesen ist nichts drängender als eine Spitalsreform. Die Opposition will sich jedoch als politischer Defibrillator profilieren, um ein kaum noch zu finanzierendes Betten- und Abteilungssystem künstlich am Leben zu erhalten.

Es gehört zum Geschäft der Opposition, politisch kräftig auf den Putz zu hauen. Brüstet sich aber FPÖ-Chef Markus Abwerzger damit, dass in Tirol auch ohne die Grünen etwas weitergeht, weil wieder einmal eine Trasse für den Tschirganttunnel geprüft wird, dann ist das an Lächerlichkeit nicht zu überbieten. Denn sowohl Tschirgant-als auch Fernpasstunnel sind verkehrspolitisch mehr als umstritten. Bei der geplanten Spitalsreform baut sich die Opposition ebenfalls mächtig auf.
Da bezeichnet SPÖ-Chef Georg Dornauer Wien sogar als Vorbild für ein funktionierendes System, obwohl die Bundeshauptstadt mit dem Neubau des Krankenhauses Nord derzeit einen der größten Spitals-Skandale picken hat. Und Abwerzger beschwört bereits Horrorszenarien von frisch operierten Lungenpatienten herauf, die am Südring Erholung suchen müssen, sollte Natters geschlossen werden. Konstruktive Oppositionspolitik sieht anders aus, schließlich ist eine Spitalsreform unumgänglich. Mit kosmetischen Eingriffen lässt sich das Defizit von aktuell 75,5 Mio. Euro sicher nicht einbremsen. Deshalb muss eine Spitalsreform auch weh tun.
Ob bei Natters das letzte Wort bereits gesprochen ist, wird man sehen. Aber vor allem im Spitalsviereck mit den Landeskrankenhäusern Hochzirl, Natters, Innsbruck und Hall benötigt es umfassende strukturelle Anpassungen der medizinischen Leistungen. Generell haben jedoch zu wenig Auslastung (85 Prozent), zu viele Betten, überschießende Eitelkeiten von Primarärzten und mangelnde Kooperationsbereitschaft über das eigene medizinische Fach hinaus die teuren stationären Strukturen einzementiert.
Wenn in manchen Bezirksspitälern die Betten nur zu 60 Prozent belegt sind, wäre es politisch verantwortungslos, nicht über eine Bündelung des Leistungsspektrums, die Verlagerung in ambulante und tagesklinische Angebote oder Bettentransfers in die Übergangs- und Schwerpunktpflege nachzudenken. Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (VP) beweist Reformmut, die Opposition kommt hingegen nicht über das populistische „Leichentuch-Wachteln“ hinaus. Es dürfte ohnehin schwer genug sein, Spitalsbetreiber, Ärzte und Pflegepersonal von einer verbesserten Aufgaben- und Angebotsabstimmung zu überzeugen. Tilg wird freilich keinen Applaus dafür ernten, weil Gesundheitsreformen zu komplex sind und sich die Bevölkerung einzig und allein eine optimale Versorgung erwartet.
So gesehen ist es ein unbelohnter Knochenjob, den Tilg für die langfristige finanzielle Absicherung der Spitalsstruktur im Land macht.

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