TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 25. Februar 2019 von Gabriele Starck - Der erste Schritt, die Einsicht, fehlt

Innsbruck (OTS) - Papst Franziskus wollte beim Missbrauchsgipfel vielen katholischen Würdenträgern erst einmal die Augen für den Ernst der Lage öffnen. Denn nur mit diesem – noch fehlenden – Bewusstsein können Regeln greifen.
Leere Worte, Beteuerungen ohne Konsequenzen: Die Enttäuschung all jener, die Missbrauchsopfer katholischer Priester und Ordensleute sind, macht sich nach der gestrigen Rede von Papst Franziskus Luft. Verständlich, warten sie doch schon so lange darauf, dass sich die Kirche ihrer Verantwortung stellt. Dass sie Täter bestraft und Taten verhindert, statt zu verschleiern, was so viel Leid erzeugt. Die Opfer, alle Schutzbefohlenen, ja alle Katholiken dürfen sich erwarten, dass sich endlich etwas ändert, und zwar radikal. Gerade, weil schon so oft und so viel beteuert und versprochen wurde.
Und doch ist die Kritik an Franziskus nur zum Teil gerechtfertigt. So war es weniger ein Gipfel für die Öffentlichkeit, auch wenn Papst Franzikus den Gläubigen damit signalisieren wollte: „Wir nehmen euch und eure Wut ernst.“ Vielmehr ging es ihm darum, kirchenintern das Bewusstsein für das Unrecht zu erzwingen, das mit der Tat an sich, aber auch mit deren Vertuschung den Opfern angetan wird. Seine Ansprechpartner waren daher vorrangig auch weniger die Seelsorger in den Gemeinden, sondern die Bischöfe, also deren Vorgesetzte. Sie sind es, die dafür zu sorgen haben, dass es nicht geschieht, und wenn doch, Konsequenzen nach sich zieht.
Denn so erbärmlich es ist: In vielen Kirchenmännern hat die Einsicht erst zu reifen, dass sie Schuld eingestehen und Konsequenzen ziehen müssen. Dann erst werden Regeln greifen, wie etwa Strafverfolgung und die Vorkehrung, dass Täter keine Chance mehr erhalten, die Abhängigkeit von Schutzbefohlenen auszunutzen, seien es Kinder, Nonnen oder Priesterseminaristen. Franziskus wollte den Bischöfen klar machen, dass das Leugnen der Kirche weitaus mehr schadet als ein offener und konsequenter Umgang damit. Eine Einsicht übrigens, die auch der Papst selbst erst sehr spät hatte.
Letztlich wird dem Problem aber nur durch eine tatsächliche Revolution wirkungsvoll zu begegnen sein: die Abkehr von der Pflicht zur sexuellen Enthaltsamkeit für Priester und Ordensleute. Denn natürlich trägt auch diese Erfindung der Institution „katholische Kirche“, die nicht einmal bzw. schon gar nicht von Päpsten früherer Zeiten befolgt wurde, dazu bei, dass sich manche an Kindern vergehen. Weil sich diese Täter nur bei den Schwächsten der Gesellschaft sicher sind, dass es im Verborgenen bleibt.
Vor der katholischen Kirche liegt ein weiter und beschwerlicher Weg. Wie viele Gläubige sie dabei noch begleiten werden, hängt auch vom Tempo ab, das die Kirche jetzt einschlägt.

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