Der Zeuge als Wiedergänger. Frühe Prosa über den Holocaust.

Simon Wiesenthal Lecture von Mona KÖRTE, Universität Bielefeld

Wien (OTS) - Die ersten Berichte über das Leben und Sterben in den nationalsozialistischen Lagern stellen auf radikale Weise die Frage nach der Gattung Mensch, genauer dem, was von ihr nach Auschwitz bleibt. „Ist das ein Mensch?“ und „Das Menschengeschlecht“ lauten die Titel von Autoren, deren Aufzeichnungen für das entstehende Genre der Zeugnisliteratur so bedeutsam sind. Bei aller Unterschied­lichkeit in der Gestaltung thematisieren die frühen Zeugnisse nicht nur Mechanismen der Lagerwelt, sondern formulieren spezifische Dilemmata, die im Anschluss zu Topoi der Zeugnisliteratur wurden: die in den Lagerträumen vorweggenommene Situation eines „gegebenen und nicht angehörten Berichts“ (Primo Levi), die den Überlebenden auf die verzweifelte Suche nach Zuhörern schickt, die Scham des Überlebens, die Fragilität einer durch das Ereignis ohnehin nachhaltig beschädigten Erinnerung und schließlich ein poetologisches Moment, das die Bestattung der Toten zu einem der Funktionen des Zeugnisses erklärt. Für Imre Kertész wird das Totengebet zur eigentlichen Aufgabe dieser Gattung.

In einem ersten Teil rückt der Vortrag den Begriff des Zeugen und des Zeug­nisses sowie dessen kommunikative Funktion in den Blick. Das insbesondere bei Charlotte Delbo so radikal formulierte Bewusstsein der Überlebenden, nach Art einer Wiedergängerin gleichsam posthum zu leben, ist Gegenstand des zweiten Teils. Ein letzter Teil untersucht eine spezifische Form von Mehrsprachigkeit, den ‚internationalen Jargon‘ (Primo Levi), als entscheidende Überlebenshilfe im Lager und ihr Echo in der Anlage der Zeugnisse.

Mona KÖRTE ist Komparatistin und Germanistin und lehrt an der Universität Bielefeld im Fach Literaturwissenschaft. Zuvor leitete sie am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin den Schwerpunkt Weltliteratur, war Max Kade Distinguished Professor an der University of Virginia/ USA und Kurt-David-Brühl-Professorin an der Universität Graz. In ihren Forschungen befasst sie sich u.a. mit deutsch-europäisch-jüdischer Literatur- und Kulturgeschichte, Holocaust Studies, Literaturtheorie, Exil und Mehrsprachigkeit. Zu ihren Publikationen gehören: Pass pro toto. European-Jewish Responses to State Narratives of Personhood, in: Marc Silberman, Venkat Mani (Hg.): Back to the Future. Tradition and Innovation in German Studies, Frankfurt 2018, S. 63-86; Dichtungslogiken des Ich. Theoriebildung im Exil bei Käte Hamburger und Margarete Susman, in: Stephan Braese, Daniel Weidner (Hg.): „Meine Sprache ist Deutsch“. Deutsche Sprachkultur von Juden und die Geisteswissenschaften 1870-1970, Berlin 2015, S. 174-198.

Der Zeuge als Wiedergänger. Frühe Prosa über den Holocaust.

Simon Wiesenthal Lecture von Dr. Mona KÖRTE, Komparatistin und Germanistin, lehrt an der Universität Bielefeld im Fach Literaturwissenschaft.

Moderation: Mag. Marianne WINDSPERGER (VWI)

Datum: 07.02.2019, 18:30 - 20:00 Uhr

Ort: Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Dachfoyer
Minoritenplatz 1, 1010 Wien, Österreich

Url: http://www.vwi.ac.at

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI)
Jana Starek
Tel.: +43-1-890 15 14-300
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