TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 12. Jänner 2019 von Mario Zenhäusern "Der Brexit trifft die EU zur Unzeit"

Innsbruck (OTS) - Am Dienstag entscheiden die Briten, ob ihr EU-Austritt geregelt über die Bühne geht. Wie auch immer das ausgeht:
500 Jahre nach dem Tod des „Europäers“ Maximilian I. erhalten die Gegner der Europäischen Union zunehmend Rückenwind.

Heute vor 500 Jahren starb Kaiser Maximilian I., den das offizielle Tirol in diesem Jahr als „ersten Europäer“ feiert. Ob gerechtfertigt oder nicht sei dahingestellt – Tatsache ist, dass 500 Jahre nach Maximilians Tod einige seiner Nachfolger an den Schalthebeln der Macht in den einzelnen Staaten der Europäischen Union alles daransetzen, das Europa von heute, das in den vergangenen 70 Jahren Frieden garantierte, zu Grabe zu tragen.
Den ersten Schritt könnten am kommenden Dienstag die Briten setzen. Bei der Abstimmung im Parlament entscheiden sie darüber, ob sie den von Premierministerin Theresa May und den Verhandlern der EU vereinbarten „Deal“ für einen geordneten Austritt der Briten annehmen oder nicht. Wie auch immer die Abstimmung im Unterhaus ausgehen wird (vielleicht wird sie auch wieder verschoben): Die Konsequenzen werden in erster Linie die Briten zu tragen haben. Natürlich werden auch die verbleibenden 27 EU-Staaten die Auswirkungen des Brexit spüren, am unmittelbarsten aber wird es zweifellos die Engländer treffen. Allein der drohende Verlust der wirtschaftlichen Kontakte zum Kontinent, ohne die Großbritannien nicht lebensfähig ist, lässt chaotische Zustände befürchten. Es ist bezeichnend, dass die Verursacher dieser schier ausweglosen Situation, der frühere Londoner Bürgermeister und britische Außenminister Boris Johnson und Nigel Farage, der frühere Chef der betont EU-kritischen UK Independence Party, die politische Bühne mittlerweile bereits verlassen haben.
Mit den Briten kehrt zweifellos ein „Big Player“ Europa den Rücken. Das schmerzt – auch weil England ein Nettozahler war. Außerdem kommt der Brexit zur Unzeit! Die Europäische Union ist geschwächt. Zu Jahresbeginn hat Rumänien den EU-Vorsitz übernommen und nicht nur Kommissionspräsident Juncker zweifelt daran, dass die Regierung in Bukarest dieser Aufgabe gewachsen ist. Weit schwerer wiegt, dass innerhalb der Staatengemeinschaft die EU-Kritiker und -Gegner immer mehr Gewicht erhalten. Bei den Wahlen zum EU-Parlament Ende Mai 2019 drohen ein Rechtsruck und die Stärkung jener politischen Kräfte, die ganz offen auf das Ende der Gemeinschaft hinarbeiten.
Vor diesem Hintergrund war Kaiser Maximilian I. tatsächlich ein „Europäer im Geiste“, der sein Reich zwar durch Ehen und Kriege vergrößerte, aber nicht nur. Er baute auch Brücken zu seinen Nachbarn – und riss sie nicht ein wie die Orbáns, Le Pens und Kaczynskis von heute.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001