TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel vom 7.Januar 2019 von Mario Zenhäusern - „Gefährliche Abenteuer“

Innsbruck

Innsbruck (OTS) - Wer sich allen Expertenwarnungen zum Trotz bei hoher Lawinengefahr in den Tiefschnee wagt, geht nicht nur ein persönliches Risiko ein: Die Freiheit des Einzelnen hört dort auf, wo eine Gefahr für die Allgemeinheit besteht.

Seit Tagen warnen die Lawinenexperten nicht nur in Tirol, sondern im gesamten Alpenraum vor der extrem gefährlichen Situation abseits gesicherter Pisten. Auf allen TV-Sendern, in Zeitungen, im Internet und im Radio ist davon die Rede, dass derzeit von Skitouren und Variantenfahrten tunlichst abzusehen sei, weil sich jederzeit riesige Schneemassen von allein lösen können, weil schon ein einzelner Tourengeher oder Variantenfahrer eine Katastrophe auslösen kann. Trotz des nicht zu übersehenden Winks mit dem Zaunpfahl brachen auch am vergangenen Wochenende wieder Wintersportler zu Skitouren auf oder bogen von der Piste in den freien Skiraum ab. Warum? Es gibt eine Menge Erklärungen dafür. Leichtsinn, Übermut, Unvernunft, falsche Einschätzung der tatsächlichen Gefahr. Außerdem hat es immer schon Menschen gegeben, die zu Extremen neigen, die den Kompromiss als Mittelmaß ablehnen, denen es Lust bereitet, Risiken einzugehen. Traumhaft schöne Werbebilder von Wintersportlern, die scheinbar schwerelos über einen unberührten Tiefschneehang gleiten, wirken bei diesen Draufgängern wie Verstärker des Slogans „No risk, no fun“, der das Risiko mit dem Begriff Spaß verbindet und ihm so die Gefährlichkeit nimmt. Aber reicht das aus, um sein Leben und das anderer aufs Spiel zu setzen?
Verbieten kann man die gefährlichen Abenteuer nicht. Nur warnen, informieren, auf Einsicht hoffen. Betroffene darauf aufmerksam machen, dass die Freiheit des Einzelnen dort aufhören muss, wo eine Gefahr für die Allgemeinheit entsteht oder entstehen könnte. Wer sich allen Warnungen der Experten zum Trotz dennoch in den Tiefschnee wagt, der geht nicht nur ein persönliches Risiko ein. Nein, er kann im Extremfall – wenn er zum Beispiel eine Lawine auslöst – auch andere gefährden: unbeteiligte Pistenfahrer oder Bergretter und Alpinpolizisten, die Unbelehrbare dann oft unter Einsatz des eigenen Lebens aus Gefahrensituationen befreien müssen.
Im Winter 2017/18 starben in Tirol sieben Personen bei Lawinenabgängen, deutlich weniger als im Jahr zuvor. Verantwortlich für den Rückgang sei wohl auch ein gestiegenes Gefahrenbewusstsein, mitausgelöst durch die unermüdliche Arbeit der Berg- und Sportvereine, sagen Experten. Das gilt es zu stärken und zu fördern. Gänzlich zu verhindern ist das winterliche Glücksrittertum nicht:
Unbelehrbare wird es immer geben. Daran würde auch die Verhängung von Strafen nichts ändern, wie das Beispiel Straßenverkehr belegt.

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