TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel vom 4.Januar 2019 von Christian Jentsch - „Europa muss aus Amerikas Schatten treten“

Innsbruck (OTS) - Jene nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte Weltordnung, in der die USA für die Sicherheit Europas sorgten, neigt sich dem Ende zu. In Zeiten des Umbruchs muss Europa Eigenverantwortung übernehmen. Weil es dazu gezwungen wird.

Das neue Jahr startet mit neuen Hoffnungen. Doch die Chancen, dass unsere Welt eine sicherere wird, dass die festgefahrenen Konflikte gelöst, die blutigen Kriege wie in Syrien beendet oder der Kampf gegen den existenzbedrohenden Klimawandel auch wirklich angegangen wird, sind leider verschwindend gering. Nein, wir werden wohl nicht in ruhigeres Fahrwasser geraten. Ganz im Gegenteil: Im neuen Weltentheater wird die Unsicherheit Regie führen und das Chaos die Hauptrolle spielen. Warum? Weil die Säulen der etablierten Weltordnung ins Wanken geraten sind. Weil ausgerechnet die USA – angeführt von ihrem „America-first“-Präsidenten Donald Trump – die von ihr nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte liberale westliche Weltordnung zu demolieren begonnen haben. Jene Weltordnung, die den USA die wirtschaftliche und militärische Vormachtstellung garantierte und die dem aus den Trümmern des Krieges auferstandenen Europa Sicherheit und Wohlstand bescherte.
Doch nun sind die Geister aus der Vergangenheit zurück, die Angst geht um. Während Europa sich genüsslich selbst in Frage stellt, toben vor unserer Haustüre blutige Kriege. Und Trump hat der Welt und speziell den Verbündeten der USA immer wieder zu verstehen gegeben, wie wenig er von Allianzen und in der Vergangenheit eingegangenen Verpflichtungen hält. Europa ist für Trump weniger Verbündeter als mehr Konkurrent im Handelskrieg, in dem jeder gegen jeden kämpft. „America first“ macht die Welt zu einer anderen. Ob wir wollen oder nicht.
Europa muss aus dem Schatten der USA treten. Nicht weil es das selbst so will, nicht weil es auf diesen Schritt vorbereitet ist, nicht weil Europa plötzlich an Selbstvertrauen und Einigkeit dazugewonnen hat. Es muss aus dem Schatten der USA treten, weil US-Präsident Trump und die Seinen es so wollen. Und weil die Vormachtstellung der USA ins Rutschen geraten ist. „Europa ist mir egal. Ich bin nicht von Europäern gewählt, sondern von Amerikanern“, erwiderte Trump jüngst auf Kritik, dass er mit seiner Politik zunehmend auf Ablehnung in Europa stoße. Und: „Die Vereinigten Staaten können nicht weiter der Weltpolizist sein“, verkündete Trump Ende Dezember bei einem Truppenbesuch im Irak, nachdem er zuvor angekündigt hatte, alle US-Soldaten aus Syrien abziehen zu wollen, und damit Freund und Feind verblüffte.
Ja, ist es ist höchst an der Zeit, dass Europa sein Schicksal in die eigene Hand nimmt. Nein, Euro­pa wird dazu natürlich nicht bereit sein. Aber es muss.

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