Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 2. Oktober 2018; Leitartikel von Manfred Mitterwachauer: "Die Pflege ist das Wohnen von morgen"

Innsbruck (OTS) - Der demografische Wandel, zu wenig Nachwuchs, ungleiche Bezahlung und enormer Leistungsdruck: Nicht nur Tirol befindet sich auf dem besten Wege in einen Pflegenotstand. Die Politik wird ihre Prioritäten neu zu ordnen haben.

Die Politik reagiert, anstatt zu agieren. Die Transitproblematik steht hierfür exemplarisch. Würden die Lösungsansätze zur Eindämmung der Lkw-Flut durch das Inn- und Wipptal ähnlich rasant wie die tatsächlichen Verkehrszahlen über den Brenner steigen – Tirol müsste heutzutage wohl kaum über 16 Jahre Luftsanierungsgebiet sinnieren. Beim Thema Wohnen verhält es sich ähnlich: Jahrzehntelang wurde der Baulandhortung Tür und Tor geöffnet, zerschellten zahnlose Planungsverbände an der Willkür bürgermeisterlicher Widmungspolitik und wurde die zinspolitikbedingte Kapital­umschichtung in Richtung Betongold als gottgewollt nahezu tatenlos zur Kenntnis genommen. Erst jetzt, wo die Miet- und Kaufpreisspirale im Wohnungssektor auch die Finanzkraft der so genannten Mittelschicht aussaugt, kommt die Politik auf den Plan. In nahezu allen Wahlkämpfen der vergangenen zwei Jahre wurde das leistbare Wohnen zur Causa prima erkoren. Versprechen, die aber noch keine einzige Wohnung billiger gemacht haben. Und beim Fünf-Euro-Wohnen verhält es sich ähnlich wie mit den Lkw-Blockabfertigungen: nett, aber kaum über den Problemlösungsstatus eines politischen Feigenblattes hinauskommend.
Das, was Verkehr und Wohnen jetzt sind, wird die Pflege in zehn bis fünfzehn Jahren sein: das bestimmende (Wahlkampf-)Thema. Nicht nur Tirol steuert sehenden Auges auf einen Pflegenotstand zu. Die einstigen Babyboomer werden zu potenziellen Pflegefällen – die geburtenschwachen Jahrgänge stehen in der Erwerbspflicht. Bereits jetzt ist Fachpersonal Mangelware, müssen Heime Betten unbelegt lassen.
Der Tiroler Heimbereich benötigt bis 2022 rund 1500 neue Pflegekräfte. Dieses Loch zu flicken, bedarf aller Anstrengungen. Der Pflegeberuf ist nicht „sexy“. Nach wie vor ist die Bezahlung des Pflegepersonals in Krankenhäusern höher als in Heimen oder in der mobilen Pflege. Die vor Jahren angekündigte Angleichung der Gehälter kommt in Tirol jetzt mit massiver Verspätung – und saftiger Kritik. Ob Tirol damit den innerösterreichischen Verteilungswettkampf ums Pflegepersonal gewinnen kann, ist zu hinterfragen. Abseits des Finanziellen nagt an deren Motivation ein nach Minuten und nicht an persönlichen Bedürfnissen der zu Pflegenden orientierter Leistungskatalog. Die Politik – nicht nur in Tirol – ist sich all dessen bewusst. Noch wäre Zeit, die Prioritäten neu zu ordnen. Und zu agieren, anstatt wieder nur zu reagieren.

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