„Orientierung“: Scham und Kritik – Studie enthüllt Gewalt und Missbrauch durch Kirchenmänner

Außerdem am 30. September: Philosophicum Lech 2018 – Über „die Hölle“ als Realität und Vorstellung

Wien (OTS) - Sandra Szabo präsentiert im ORF-Religionsmagazin „Orientierung“ am Sonntag, dem 30. September 2018, um 12.30 Uhr in ORF 2 folgende Beiträge:

Scham und Kritik: Studie enthüllt Gewalt und Missbrauch durch Kirchenmänner

Wo jetzt schmucke Einfamilienhäuser stehen, begann für Alexander Probst 1968 das Martyrium. Mit einem Team der „Orientierung“ besucht er 50 Jahre später das deutsche Etterzhausen, an das es für ihn kaum gute Erinnerungen gibt. Schon in der damaligen Vorschule der Regensburger Domspatzen erlebte er körperliche Gewalt und als er 1970 an das katholische Musikgymnasium der Domspatzen in Regensburg wechselte, kamen dazu auch noch sexuelle Übergriffe durch seinen damaligen Betreuer. Jahrelang trug Probst seine schlimmen Erlebnisse mit sich, bevor er sich 2010 schließlich entschied, an die Öffentlichkeit zu gehen. Kein leichter Schritt, denn so mancher Kirchenvertreter kehrte die Situation um und machte ihn – das Opfer – zum Täter, der Kirche und Kleriker „anpatzen“ würde.
Alexander Probst ist kein Einzelfall. Über die Ausmaße der Verbrechen an Kindern und Jugendlichen will nun eine Studie Auskunft geben, die im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz durchgeführt und am 25. September veröffentlicht wurde. Ihr Ergebnis: In einem Untersuchungszeitraum von 68 Jahren (von 1946 bis 2014) seien 3677 vorwiegend männliche Minderjährige Opfer sexuellen Missbrauchs geworden, die Zahl der beschuldigten Kleriker beläuft sich auf 1.670. Die Dunkelziffer sei jedoch viel höher, merken Kritiker an. Und sie bemängeln, dass den Forscherinnen und Forschern kein direkter Zugang zu den Akten gewährt wurde. Die Verfasser der Studie selbst sprechen von einer „unteren Schätzgröße“.
Missbrauch, Vertuschung, Aktenvernichtung und ein klerikales System, das das Ansehen der Kirche über die Würde der Opfer stellte: Die katholische Kirche in Deutschland sieht sich aktuell mit einer langen Liste an Vorwürfen konfrontiert. Die Bischöfe versprechen einen Neuanfang: „Wir wollen Klarheit und Transparenz über diese dunkle Seite unserer Kirche.“ Ein Versprechen, das freilich schon mehrfach gegeben, aber bisher nur selten eingelöst wurde. Anders in Regensburg: Für den Betroffenen Alexander Probst ist die öffentliche Aufarbeitung der Fälle bei den Domspatzen, wie sie in den vergangenen Jahren unter Bischof Rudolf Voderholzer passiert ist, ein gutes Beispiel, dem auch andere Bistümer in Deutschland folgen sollten. Hier – so Probst – hat man anerkannt, was passiert ist, hat Akten geöffnet, Opfer entschädigt und präventive Maßnahmen gesetzt. Bericht: Marcus Marschalek, Philipp Supper.

Kinderschutzexperte Zollner: Machtgefälle führt zu Missbrauch

Er ist um klare Worte nicht verlegen, wenn es um Fragen nach den Ursachen für den Missbrauch von Minderjährigen durch Kleriker geht:
Hans Zollner, Jesuit aus Regensburg und Präsident des Zentrums für Kinderschutz an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Das „Machtgefälle zwischen Beschuldigten und Betroffenen“, so Zollner in Interviews der vergangenen Wochen, sei ein wesentlicher Faktor, wenn es um die Ursachenforschung gehe. Aber auch eine – so Zollner – ungenügende Vorbereitung auf den Zölibat spiele hier eine wichtige Rolle. Priesteramtskandidaten, die „weder emotional ausgeglichen sind noch mit ihrer Sexualität konstruktiv umgehen können“, seien ein großes Problem. Schuld trage dabei nicht der Zölibat – die verpflichtende Ehelosigkeit katholischer Priester – an sich, wohl aber eine fehlende Integration des Zölibats in den Alltag. Die römisch-katholische Kirche insgesamt sieht er auf dem richtigen Weg:
Heute gehe man offen, selbstkritisch, konsequent und von außen kritisch begleitet mit dem schwierigen Thema um. Bericht: Mathilde Schwabeneder.

Papst in Litauen: „Gemeinschaft aller Christen stärken“

Seine 25. Auslandsreise führte Papst Franziskus vom 22. bis 25. September in die baltischen Staaten Lettland, Litauen und Estland. Herausforderungen, die allen drei Ländern gemeinsam sind, wie etwa die Abwanderung von Jugendlichen aufgrund fehlender Arbeitsplätze, sprach der Papst dabei an. Er erinnerte aber auch an die „Last der Geschichte“ der drei Staaten, an Jahrzehnte der Besatzung. Ein Vierteljahrhundert nach dem Baltikum-Besuch von Papst Johannes Paul II. mahnte Papst Franziskus in Litauen, das Wiedererstarken des Antisemitismus nicht zu ignorieren. Während der NS-Zeit wurden im Ghetto der Hauptstadt Vilnius Zehntausende Jüdinnen und Juden ermordet. Und im mehrheitlich katholischen Litauen – rund 80 Prozent der Bevölkerung sind katholisch – warnte der Papst auch vor neuen totalitären Systemen und dem Auslöschen anderer Kulturen: „Schauen wir auf die Welt, in der wir leben, in der die Stimmen, die Spaltung und Konfrontation säen, immer lauter werden.“ Bericht: Mathilde Schwabeneder.

Philosophicum Lech 2018: Über „die Hölle“ als Realität und Vorstellung

Philosophen, Kultur- und Sozialwissenschafterinnen, aber auch Theologen diskutierten und referierten anlässlich des diesjährigen Philosophen-Treffens in Lech am Arlberg über ein nur scheinbar anachronistisches Thema: „Die Hölle. Kulturen des Unerträglichen.“ Fragen wurden aufgeworfen: Was bedeutet die Hölle heute? Ist sie nur eine Metapher – und wenn, wofür? Ausgehend von Jean-Paul Sartres Deutung, dass in der Moderne die „Hölle vor allem die anderen (Menschen)“ sind, diskutierten Expertinnen und Experten mit den mehr als 600 angereisten Teilnehmerinnen und Teilnehmern u. a. über die „Hölle auf Erden“, aber auch über den Begriff der Hölle in den Religionen – im Christentum und im Islam. Die „Orientierung“ sprach u. a. mit dem wissenschaftlichen Leiter des Philosophicums, Konrad Paul Liessmann, mit der Islamwissenschafterin Christine Schirrmacher und dem katholischen Theologen Josef Imbach. Bericht: Klaus Ther.

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