Sorge vor "Brexit-Effekt" bei den Europawahlen

Junge Wähler könnten daheim bleiben, fürchten Teilnehmer einer Diskussion über Junckers Rede zur Lage der Union im Haus der EU

Wien (OTS) - "Wenn junge Europäer nicht mobilisiert werden, zur Urne zu gehen, könnte es unerwünschte Folgen geben, wie bei der Brexit-Abstimmung", warnte Sophie Forster, Bloggerin und Social Media Influencerin mit über 30.000 Followern, heute im Haus der Europäischen Union mit Blick auf die Europawahlen im kommenden Mai. Die politische Vorbereitung auf den EU-Urnengang war ein Schwerpunkt der "Rede zur Lage der Union" von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker kurz zuvor in Straßburg, über die Forster in Wien gemeinsam mit drei anderen Publizisten diskutierte. 

"Es könnte ein Problem bei der EU-Wahl sein, dass alle sicher sind, dass eh alles passen wird - und dass dann doch Kräfte an die Macht kommen oder stärker werden, die wir nicht wollen", sagte Bloggerin Forster. Sie und ihre Mitdiskutantin Alexandra Stanic, Chefreporterin des Magazins Biber, nahmen aber zugleich die Jugendlichen in Schutz: "Es nervt mich, dass man jungen Menschen vorwirft, sie wären politikverdrossen. Das stimmt nicht", so Stanic, die auch die Bedeutung einer verständlichen Vermittlung von EU-Themen betonte: "Ich bin kein Fan davon, dass man zu komplexen Themen einfache Antworten gibt, das machen tendenziell eher rechte Politikerinnen und Politiker". Es wäre aber zielführend, Themen so aufzubereiten, dass sie jeden "abholen", auch Jugendliche. Laut Stanic haben vor allem folgende vier Themen große Bedeutung: Anti-rassistische Aufklärungsarbeit, Klima- und Umweltschutz, Intersexualität und Feminismus sowie Bildung.  

Persönliche Geschichten statt abstrakter Begriffe 

Ralph Janik, Völkerrechtsexperte der Universität Wien und Mitglied der Rechercheplattform Addendum, ortet sowohl auf der nationalstaatlichen als auch auf der europäischen Ebene das Problem, dass "Menschen, die in einer anderen Lebenslage sind, über meine Lebenslage sprechen." Um die Bürger mitzunehmen, brauche es mehr persönliche Geschichten und weniger abstrakte Begriffe in der EU-Kommunikation. In Junckers Rede waren Migration und Fluchtbewegungen aus Janiks Sicht das wichtigste Thema. "Unabhängig davon, wie man dazu stehen mag, ist es das dominierende Thema und ich denke, dass es das über die nächsten Jahre bis Jahrzehnte bleiben wird."  

Wolfgang Böhm, Leiter der Europa-Redaktion der Tageszeitung „Die Presse“, vermisst derzeit "ein positives emotionales Thema, wo die EU wieder zusammenrückt". Gerade der Brexit bietet seiner Meinung nach einen Ansatzpunkt: "Es gibt eine breite Meinung in Europa, dass der Brexit beiden Seiten nur Nachteile bringt", sagte Böhm und warb dafür, eine Kampagne "Stay with us" zu starten. Eine derartige Initiative  könnte "für die ganze Gemeinschaft etwas Positives bewegen". 

Die Diskussion im Haus der Europäischen Union moderierte Paul Schmidt, Generalsekretär der Europäischen Gesellschaft für Europapolitik.  

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