„Mekka 1979 – Urknall des Terrors?“: „kreuz und quer“ über Motive und weitreichende Konsequenzen des Dramas von Mekka

Am 11. September ab 22.35 Uhr in ORF 2, danach: „Gender Dschihad – Frauen verändern den Islam“

Wien (OTS) - Es war die vermutlich größte Geiselnahme der Geschichte, als im November 1979 Hunderte schwer bewaffnete Männer die Große Moschee von Mekka besetzten. Die Auswirkungen dieses weithin vergessenen Ereignisses sind bis heute greifbar. Mehr als fünf Jahre lang arbeitete Regisseur Dirk van den Berg mit einem internationalen Team an den zum Teil verdeckten Recherchen und Dreharbeiten für seinen Film „Mekka 1979 – Urknall des Terrors?“, den „kreuz und quer“ am Dienstag, dem 11. September 2018, um 22.35 Uhr in ORF 2 zeigt. Behutsam wurde Vertrauen zu Augenzeugen, Diplomaten, Militärs und Geheimdienstlern in Saudi-Arabien, Frankreich, den USA und anderen Ländern aufgebaut. Dies verschaffte den Filmemachern einzigartigen Zugang zu nie zuvor gesehenen Filmaufnahmen, Dokumenten und Hintergrundinformationen. Aus dem Material entstand ein politischer Thriller über eines der Schlüsselereignisse der jüngeren Geschichte. Die Koproduktion von ORF, ARTE, HR, NDR, PBS, RBB und WDR rekonstruiert das Drama von Mekka und erforscht Motive, Hintergründe und weitreichende Konsequenzen mit Auswirkungen bis in die Gegenwart.

Als die afroamerikanische Wissenschafterin Amina Wadud 2005 zum ersten Mal medienöffentlich ein islamisches Freitagsgebet vor Männern und Frauen in New York führte, waren Muslime weltweit empört. Denn nach Ansicht der islamischen Orthodoxie dürfen Frauen nur rein weibliche Gebetsgruppen leiten. Amina Wadud verwendete auch den Begriff „Gender Dschihad“ – als Bezeichnung für den Kampf muslimischer Frauen um Geschlechtergerechtigkeit in Familie, Arbeit und auch bei der Ausübung religiöser Berufe. Mehr als zehn Jahre später gibt es in vielen Ländern der Welt Imaminnen, aber auch Theologinnen, Lehrerinnen und gebildete Frauen, die sich das Recht nehmen, die Religion im Hinblick auf die ihnen zugewiesenen Rollen kritisch zu hinterfragen. Die „kreuz und quer“-Dokumentation „Gender Dschihad – Frauen verändern den Islam“ porträtiert um 23.25 Uhr drei Frauen in Dänemark, Deutschland und Österreich, die auf unterschiedliche Weise versuchen, durch ihre Arbeit und ihr gelebtes Vorbild den Islam zu verändern. Ist die Zukunft des Islams weiblich? Und ist die muslimische Gemeinde schon bereit für einen solchen Wandel?

„Mekka 1979 – Urknall des Terrors?“ – Ein Film von Dirk van den Berg

Knapp 100.000 Pilger befanden sich am 20. November 1979 zum Morgengebet in der Moschee, als die Aufständischen die schweren Tore von innen schlossen und die Minarette mit Scharfschützen besetzten. Mit ihrem Anführer Dschuhaiman al-Utabi – Angehöriger einer angesehenen Beduinenfamilie – forderten sie die Abdankung der saudischen Königsfamilie, die sie als korrupt und gottlos verdammten. Sie wollten den Abbruch aller Beziehungen zum Westen erzwingen – und die Rückkehr des „von Petrodollars verrotteten“ Königreichs zu einem ursprünglichen und reinen Islam.
In den folgenden zwei Wochen entbrannte ein bitterer Kampf zwischen den Aufständischen und der königlichen Familie der Al Saud – für die alles auf dem Spiel stand. Denn sie legitimiert ihre Herrschaft mit der Verantwortung für die beiden heiligsten Orte des Islam, Mekka und Medina. Immer mehr Soldaten und schweres Geschütz wurden in Mekka zusammengezogen. Die mehr als zwei Wochen lang anhaltenden und zunehmend kopfloseren Angriffswellen der saudischen Streitkräfte kosteten Hunderte, wenn nicht Tausende von Menschenleben auf beiden Seiten, bevor es einer französischen Spezialeinheit gelang, die Moscheebesetzung zu beenden.

In der Folge musste das saudische Königshaus den wahhabitischen Fundamentalisten im Land große Zugeständnisse machen, um den eigenen Machterhalt zu sichern: Religionsgelehrte erhielten weit größeren Einfluss, strenge Gesetze der Scharia wurden verschärft und ihre Einhaltung akribisch überwacht. Mit hohen Summen aus dem Ölgeschäft wurde der Islam wahhabitischer Prägung im Nahen Osten, in Afrika und Asien bis in Moscheen Europas exportiert. Bis dahin lebendige regionale, von Volksreligiosität durchdrungene und weitgehend liberale Spielarten des Islam wurden in vielen Weltgegenden vom saudisch-fundamentalistischen – und in seinem eigenen Selbstverständnis „einzig wahren“ – Islam verdrängt. Experten sind überzeugt, dass die Belagerung der Großen Moschee von Mekka ein entscheidender Impuls für die Entstehung des religiös motivierten, weltweiten islamistischen Terrorismus war, der seit 1979 seine blutige Spur aus Saudi-Arabien und dem Nahen Osten bis nach Europa und Amerika zieht. „Mekka 1979“ war demnach – neben der islamischen Revolution im Iran und der sowjetischen Besetzung Afghanistans – der Urknall dieses Terrors.

„Gender Dschihad – Frauen verändern den Islam“ – Ein Film von Thomas Grusch und Elisabeth Krimbacher

Sherin Khankan, Dänemarks erste Imamin, ist ein Liebling der Medien. Die 42-jährige Mutter von vier Kindern hat sich selbst zur Imamin ausgebildet und 2016 die „Mariam Moschee“ gegründet – ein Gebetsraum in einer Einkaufsstraße. Hier wird das Freitagsgebet regelmäßig von Frauen geleitet, auch Seelsorge findet statt, es gibt interkulturelle Hochzeiten und Scheidungen. Khankan bezieht die Legitimation für ihr Tun vor allem von den „starken“ Frauen rund um Mohammed: Aisha und Umm Salama, auch sie wären schon als Predigerinnen tätig gewesen. Die Frauen rund um Khankan möchten zurück zu den Ursprüngen des Islams und das freilegen, was später durch die männliche Koran-Exegese verschüttet und zu Ungunsten der Frauen verändert wurde. Anders als bei der katholischen Kirche gibt es im Islam keine zertifizierte Ausbildung eines Imams – seine Funktion ist also nicht mit der eines Priesters zu vergleichen, obwohl er ähnliche Aufgaben hat. Deshalb kann die Ausbildung zur Imamin oder zum Imam auch autodidaktisch erfolgen. An die Vorbeterinnen in der Mariam-Moschee stellt Khankan aber klare Ansprüche: Alle Frauen müssen einen Master-Abschluss vorweisen, zum Beispiel in Arabisch oder in Islamwissenschaften. Eine weiblich geführte Moschee könne das Bild des Islams verändern, weil sie die Idee, der Islam sei frauenverachtend, erschwere. „Es ist schwierig zu behaupten, dass eine Frau unterdrückt ist, wenn sie eine Leitungsfunktion einnimmt“, so Khankan. Zentral in ihrem Ansatz ist das Bekenntnis zu einem langsamen Wandel. Khankan will Brücken bauen und nicht alle Brücken hinter sich abreißen, denn sie ist sich sicher, dass die muslimische Gemeinde noch nicht bereit ist für einen radikalen Wandel.

Am 16. Juni 2017 eröffnete Seyran Ates, Frauenrechtlerin und Rechtsanwältin kurdisch-türkischer Herkunft, in Berlin die liberale „Ibn-Rushd-Goethe-Moschee“. Und erst vor Kurzem hat sie angekündigt, auch in Wien eine liberale Moschee gründen zu wollen. In ihrer Berliner Moschee gibt es einen kleinen Gebetsraum, der in einer evangelischen Kirche untergebracht ist. Frauen mit oder ohne Kopftuch sowie Männer dürfen hier gemeinsam und nebeneinander beten, Homosexuelle, Schiiten, Sunniten, Alewiten, auch Atheisten – alle sind willkommen. Frauen halten das Freitagsgebet und sind auch als Gebetsruferinnen tätig. Während bei der Eröffnung der Andrang riesig war, ist vier Monate später eine Handvoll Menschen übriggeblieben, die zum Freitagsgebet kommt. Das Projekt ist zwar bei den Medien sehr beliebt, in der muslimischen Community aber stark umstritten. Seyran Ates steht seit vielen Jahren unter Personenschutz, bereits 1984 wurde sie bei einem religiös-nationalistischen Attentat schwer verletzt. Sie hat den Kampf gegen den radikalen Islam, der Frauenrechte missachtet und im Widerspruch zu den europäischen Werten steht, zu ihrem Lebensthema gemacht – dass es Gegenwind gibt, ist für sie nichts Neues. Seit der Eröffnung ihrer liberalen Moschee erhält sie täglich Hass-Postings, u. a. auch mit Morddrohungen, die oberste Fatwa-Behörde in Kairo hat ihr Projekt als „unislamisch“ verurteilt.

In Österreich sind die Frauen der Imame als Seelsorgerinnen für weibliche Gemeindemitglieder in einigen Moscheen tätig, ohne jedoch öffentlich Anspruch auf strukturelle oder frauenpolitische Veränderungen zu erheben; offizielle Imaminnen treten nicht in Erscheinung oder stehen nicht für ein Interview zur Verfügung. Hier sind es vor allem die Theologinnen und Pädagoginnen, die etwas innerhalb der Community verändern wollen. Fachinspektorin Carla Amina Baghajati setzt sich seit mehr als 20 Jahren für Frauenagenden ein, sie ist eine von zwei Frauen, die im Obersten Rat der Islamischen Glaubensgemeinschaft aktiv sind. Impulse setzen, „die auch in der Community ankommen“, will sie nicht nur durch ihre Arbeit als Lehrerin. Regelmäßig vernetzt sie muslimische Frauen miteinander und setzt sich für den interreligiösen Dialog ein. Das Thema „Imaminnen“ spielt für sie keine wichtige Rolle, denn aus ihrer Warte gäbe es brennendere frauenpolitische Angelegenheiten in Österreich als das gemeinsame Gebet von Männern und Frauen in einem Raum. „Muslimische Frauen sind es leid, immer zum Opfer gemacht zu werden“, so Baghajati, auch die aktuelle Debatte ginge in diese Richtung: Eine „Rettung“ der Opfer könne auch nur erfolgen, wenn die Frauen sich nach westlichem Vorbild veränderten und „emanzipierten“. „Die Deutungshoheit darüber, was Freiheit bedeutet und wo und wie das Leben für sie passt, muss aber bei der jeweiligen Frau selbst liegen.“

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