Spitalsfinanzierung: „Der Systemkollaps muss abgewendet werden“

Spitäler immer defizitärer – Weismüller: „Finanzierung aus einer Hand ist notwendig“

Wien (OTS) - „Wenn die Politik weiter so wirtschaftet wie bisher, wird es sich finanziell einfach nicht mehr ausgehen. Wien spürt das bereits am allermeisten“, betont Wolfgang Weismüller, Vizepräsident und Obmann der Kurie angestellte Ärzte der Ärztekammer für Wien, anlässlich des Wiener Spitalsärztekongresses unter dem Titel „Spannungsfeld Ethik vs. Ökonomie - Spitzenmedizin um jeden Preis?“. „Die Bevölkerung wird kränker und älter, das Geld für die Spitäler wird immer weniger“, so Weismüllers Sorge. ****

Auch der Wiener Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer sieht das ähnlich: „Die Spitalslandschaft in Österreich ist aufgrund des Finanzierungsmodells sehr inhomogen. Diese Finanzierung bevorzugt nämlich jene in der Peripherie und stellt dafür die Spitäler im urbanen Raum – wie etwa auch in Wien – vor große Herausforderungen.“

„Trotz verschiedenster Bemühungen um eine verstärkte Koordinierung und Angleichung der Interessen müssen wir feststellen, dass das österreichische Gesundheitssystem aufgrund seiner vielschichtigen Verwaltungsstruktur und dualen Finanzierung komplex und fragmentiert ist“, zitiert Pichlbauer aus der Studie der London School of Economics (LSE).

Besonders die Aufteilung der Finanzierung von intra- und extramuralen Leistungen zwischen den Bundesländern und Sozialversicherungen würde die Betreuungskontinuität beeinträchtigen und zu Kostenverschiebungen führen. Deshalb muss laut Pichlbauer davon ausgegangen werden, dass zurzeit die Gesundheitsergebnisse „innerhalb der Bevölkerung schlechter und die Gesamtkosten höher ausfallen“, als dies in einem „koordinierten System“ der Fall wäre.

Dennoch liegen laut seinen Untersuchungen die Gesundheitsausgaben in Österreich nur unwesentlich über dem EU-Durchschnitt. Pichlbauers Erklärung: „In Anbetracht der Häufigkeit von Spitalseinweisungen können die relativ niedrigen Ausgaben nur mit einer strikten und effizienten Preiskontrolle erklärt werden.“

Bismarck-Beveridge-Mix „nicht sinnvoll“

„Österreich hat zusammen mit Griechenland ein gleichsam einzigartiges Finanzierungsmodell“, sagt Pichlbauer. Die Mischung aus den traditionellen Bismarck- und Beveridge-Modellen, die in Österreich eingeführt wurde, sei aber eben „wenig bis gar nicht sinnvoll“. Damit sei eine Finanzierung aus zwei Händen festgelegt, die Akteure zu einer Abstimmung zwinge, die aber realpolitisch nicht möglich sei, „womit in der Folge Schnittstellen entstehen, die hohe Kosten erzeugen, ohne dass damit mehr Gesundheit entsteht“.

In Österreich werden die Spitäler über ein sogenanntes „Leistungsorientiertes Krankenanstaltenfinanzierungspunktesystem“ – kurz LKF-Punktesystem –, das ein „mehr oder weniger“ bundeseinheitliches Allokationsmodell darstellt, finanziert. Das bedeutet, dass jeder Arzt, der eine Leistung auf einer Spitalsabteilung erbringt, dafür LKF-Punkte „weiterverrechnet“, ergänzt Weismüller. „Die Defizite aus dem Betrieb betragen dadurch dennoch mindestens 40 Prozent“, rechnet Pichlbauer und stellt fest:
„Die willkürliche und globale – also eine ohne Zuordnung zu Leistungen von Abteilungen – resultierende Defizitdeckung beträgt in Österreich fünf bis sechs Milliarden Euro jährlich.“

Das derzeitige Finanzierungsmodell ist laut Pichlbauer dadurch „weder transparent noch setzt es sinnvolle Anreize, ambulant vor stationär zu versorgen“. Für Spitäler sei es lukrativ, Patienten stationär, eventuell tagesklinisch, jedenfalls aber intramural zu versorgen und so LKF-Punkte zu sammeln. „Das geht aber auch nur dort, wo man genügend Kapazitäten frei hat“, so Weismüller.

„In Wien haben wir mehr Patienten, als wir aufnehmen können, und pro Arzt mehr Patienten, als vom System her ‚vorhergesehen‘ – dennoch sollen wir genauso ‚produktiv‘ wie in der Peripherie sein.“ Für Weismüller kann sich das so nicht rechnen. (ast)

(Forts.)

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