Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 27. Juli 2018. Von MARKUS SCHRAMEK. "Das Ende einer Ära naht".

Innsbruck (OTS) - Skandal oder haltlose Anschuldigungen? Festspielleiter Gustav Kuhn ist ins Wanken geraten. In Hans Peter Haselsteiner hat der Erl-Maestro noch einen mächtigen Beschützer. Doch das letzte Wort haben die Gerichte.

Wenn Gustav Kuhn dieser Tage den Dirigentenstab erhebt, so mag sich dieser schwerer anfühlen als sonst. Denn massiv sind die Verfehlungen, die dem 72-jährigen Chef der Festspiele Erl zur Last gelegt werden. Fünf Künstlerinnen werfen dem Maestro Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe vor: unerwünschte Küsse und Berührungen an intimen Stellen sowie Demütigung und Schikane als fast schon alltägliche Vorkommnisse in Erl.
Kuhn weist all dies empört zurück. Er wird seit Monaten Vorwürfe nicht los, wonach sein Führungsstil dem eines Despoten gleiche und weibliches Personal vor ihm nicht sicher sei. Vieles davon war anonym und aus dem Internet. Doch die jüngsten Beschuldigungen haben eine ganz andere Qualität: Die fünf Künstlerinnen sind unter Nennung ihres vollen Namens an die Öffentlichkeit gegangen – im Bewusstsein allfälliger Konsequenzen.
Man würde annehmen, dass dies schon ausreiche, um eine umstrittene Person vorerst von ihrem Posten abzuziehen. „Suspendierung“ oder „Beurlaubung“ sind die dafür gängigen Termini. Zweck dieses Vorgangs ist es, den Attackierten bis zur Klärung von Vorwürfen aus der Schuss­linie zu nehmen und die betroffene Institution vor Schaden zu bewahren.
Im Falle Kuhns ist das anders. Eine sofortige Suspendierung ist schon rein technisch nicht möglich. Bis zum Sonntag leitet der Erl-Chef allabendlich eine Oper aus Wagners Ring. Kurzfristig ist kein Ersatz zu finden. Zweitens hat Kuhn einen Beschützer: Hans Peter Haselsteiner, den Baulöwen, Ex-Politiker und Präsidenten der Erler Festspiele. Er ist Mäzen und, der Vergleich ist zu verlockend, Wagnerianer Kuhn in Nibelungentreue ergeben.
Gegen das Bollwerk Haselsteiner/Kuhn kommt in Erl niemand an. Das muss auch die Landesregierung zur Kenntnis nehmen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass LH Günther Platter die Nase voll hat von den ständigen Querelen um Kuhn. Und Kulturlandesrätin Beate Palfrader rennt gegen eine Wand. Sie wollte die Kuhn-Nachfolge schon vor Monaten beschleunigen. Geschafft hat sie das nicht.
Für Kuhn gilt die Unschuldsvermutung. Ob seine Karriere mit einem Skandal endet oder mit seiner Rehabilitierung, werden Staatsanwalt und Gerichte zu beurteilen haben. Sonst niemand. Vielleicht rafft sich Kuhn aber zu einem letzten Dienst an „seinen“ Festspielen auf und er übergibt den Dirigentenstab vorzeitig.
Das Schlechteste wäre es nicht.

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