TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Wie Trump die Welt auf den Kopf stellt", von Christian Jentsch

Ausgabe vom 17. Juli 2018

Innsbruck (OTS) - Während der US-Präsident Verbündete wie Deutschland vor den Kopf stößt und die EU als Feind bezeichnet, versucht er die Spannungen mit Russland abzubauen. Beim Gipfeltreffen mit Putin in Helsinki war Harmonie gefragt.

Und er poltert mit seiner Abrissbirne durch das Weltgeschehen. Und er bringt die Fundamente der etablierten Weltordnung ins Wanken. Jener von den USA nach dem Zweiten Weltkrieg etablierten liberalen westlichen Weltordnung, die den USA die wirtschaftliche und militärische Vormachtstellung sichert, die Europa Frieden und Wohlstand brachte und der China den rasanten Aufstieg verdankt. Nun schickt sich der 45. US-Präsident an, alles Bisherige zu entsorgen. Er erklärte das Pariser Klimaabkommen für obsolet, zündelt nicht nur im Iran-Konflikt, schwört dem Multilateralismus ab, sagt dem Freihandel den Kampf an und stößt Verbündete vor den Kopf. So ließ er zuletzt den G7-Gipfel platzen, brachte den NATO-Gipfel an den Rand des Scheiterns, maßregelte die deutsche Kanzlerin Merkel, bezeichnete Deutschland als „Gefangenen Russlands“ und die EU im Handelskonflikt als Feind. Trump stellt alles auf den Kopf. Seine Welt hält nichts von Allianzen. Da kämpft jeder gegen jeden. Vor allem, wenn es um wirtschaftliche Interessen geht. Weil er mehr Flüssiggas aus den USA nach Europa verkaufen will, schießt sich Trump auf das deutsch-russische Pipeline-Projekt Nord Stream 2 ein und kündigte den Atomdeal mit dem Iran.
Doch gegenüber dem russischen Präsidenten Wladimir Putin schlägt Trump weit sanftere Töne an. „Unsere Beziehung war nie schlechter, als sie es jetzt ist. Aber das hat sich vor vier Stunden verändert“, verkündete Trump gestern beim Gipfeltreffen mit Putin in Helsinki einen Neuanfang in den Beziehungen zu Russland. „Wir haben die ersten Schritte in eine strahlendere Zukunft gemacht“, erklärte er nach stundenlangen Gesprächen.
Doch eines ist klar: Der Verdacht, der russische Geheimdienst könne bei der Wahl Trumps eine entscheidende Rolle gespielt haben, hängt wie ein Damoklesschwert über seiner Präsidentschaft. Und da fürchtet er weniger die Kritik der oppositionellen Demokraten. Da kommt er vor allem gegenüber seinen Republikanern in Erklärungsnotstand. Gerade in Sachen Russ­land verstehen seine Parteifreunde keinen Spaß. Schließlich wirken über Jahrzehnte etablierte Feindbilder lange nach und der Kalte Krieg ist für viele noch lange nicht Geschichte. Mit Russland und Putin hat Trump keine Berührungsängste. Er will keine alten Feindschaften aufwärmen. Da sucht er sich lieber neue Feindschaften mit Verbündeten wie Deutschland.
Doch was Trump mit Russland zu kitten versucht, zerstört er im Verhältnis zu anderen.

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