TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 13. Juni 2018 von Floo Weißmann "Anerkennung für einen Diktator"

Innsbruck (OTS) - Trump und Kim haben den gefährlichsten Konflikt der Gegenwart vorerst ein wenig entschärft. Doch die Belastungsprobe für ihre Wende hin zur Diplomatie steht erst noch bevor.

Noch vor wenigen Monaten haben US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Diktator Kim Jong-un einander mit Atomangriffen gedroht. Die Fortsetzung des Koreakriegs nach 65 Jahren Waffenstillstand erschien nicht mehr ausgeschlossen. Gemessen daran haben die beiden Staatenlenker am Dienstag bei ihrem Treffen in Singapur einen historischen Schritt gemacht. Die Beleidigungen und Drohungen sind einer Rhetorik der Hoffnung und Kooperation gewichen. Das hat international zu einem hörbaren Aufatmen geführt. Der gefährlichste Konflikt der Gegenwart erscheint zumindest vorerst ein wenig entschärft.
Möglich geworden war diese Entwicklung durch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Dazu gehört, dass sowohl Trump als auch Kim vermutlich einen gesichtswahrenden Ausweg aus der Eskalationsspirale des vergangenen Jahres gesucht hat. Trump trampelt wie der sprichwörtliche Elefant durch den Porzellanladen der internationalen Beziehungen und braucht dringend einen außenpolitischen Erfolg. Nebenbei scheint er mit autoritären Staatenlenkern besser auszukommen als mit demokratischen. Kim wiederum setzt zum Machterhalt auf eine Modernisierung seines Landes, und diese lässt sich unter dem Sanktionsregime kaum bewerkstelligen.
Der Nordkoreaner hat seine Karten in dem diplomatischen Poker bisher sehr geschickt gespielt. Der Handschlag mit dem US-Präsidenten bedeutet für ihn eine lang ersehnte und propagandistisch wertvolle internationale Anerkennung. Zudem hat die US-Regierung seinem Regime Sicherheitsgarantien in Aussicht gestellt. Das ist bemerkenswert für einen brutalen Diktator und nuklearen Provokateur.
Experten wie der Innsbrucker Martin Senn weisen darauf hin, dass Kim für diese Aufwertung wenig einbringen musst­e. Trump hat die Forderung nach der sofortigen Herausgabe aller Atom­waf­fen aufgegeben; andernfalls wäre der Gipfel wohl geplatzt. Im Gegenzug aber hat er – soweit bekannt – von Kim lediglich ein erneuertes Bekenntnis zu einer nicht näher definierten Denuklearisierung erhalten.
Derzeit lässt sich kaum sagen, ob, wann und zu welchem Preis Kim tatsächlich bereit ist, nuklear abzurüsten oder einen Friedensvertrag zu unterschreiben. Im Vergleich zu den Detailverhandlungen, die jetzt bevorstehen, war der Gipfel von Singapur vermutlich die leichtere Übung. Und sollten die Verhandlungen platzen, droht eine Rückkehr zur Eskalationsspirale. Die Aussichten dürften dann noch düsterer sein.

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