Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 16. Mai 2018; Leitartikel von Peter Nindler: "Zu viele Patienten liegen im Spital"

Innsbruck (OTS) - Um die Ausgabensteigerungen in den (Tiroler) Spitälern in den Griff zu bekommen, muss das Gesundheitssystem neu gedacht werden. Ambulanzen dürfen keine Arztpraxen ersetzen, sondern sollten die teuren Spitalsbetten entlasten.

Für den Generaldirektor des Hauptverbands der Sozialversicherungen, Josef Probst, gibt es keinen Zweifel: Das Gesundheitswesen krankt primär daran, dass zu viele Menschen im Spital liegen. 2,8 Millionen Patienten werden jährlich in Öster­reich stationär versorgt, die Betriebsabgänge steigen laufend. Stellvertretend für diese Entwicklung steht die Innsbrucker Klinik. Das Defizit hat sich seit 2010 vervierfacht.
Nicht nur an der Klinik, sondern generell haben sich die Endkosten für den Aufenthalt in Tirols Spitälern von 2400 Euro (2007) auf 3500 im Jahr 2016 erhöht. Die Ausgabensteigerungen betrugen in diesem Zeitraum 300 Millionen Euro, wovon 210 Mio. Euro auf den Personalaufwand entfallen. Die Medikamente verteuerten sich um 23 Mio. Euro. Die Finanzierbarkeit wird zur Herkulesaufgabe, die Strukturreform in den Spitälern muss deshalb eine umfassende sein. Selbst die Gemeinden als Träger der Bezirksspitäler erkennen, dass sie nicht immer mehr Geld zuschießen können.
Den Bettenplan anpassen, Leistungen und Angebote abstimmen sowie Schwerpunkte setzen ist ein zentraler gesundheitspolitischer Ansatz. Doch er reicht nicht aus. Schon längst müsste eine landesweite Krankenhausholding die Spitäler strategisch bzw. organisatorisch unter einem Dach vereinen und Tirol als ein medizinischer Versorgungsraum gesehen werden. Nur dadurch wäre ein möglichst effizientes und abgestimmtes Handeln uneingeschränkt möglich.
Die Klinik mit einem Defizit von 40,5 Mio. Euro würde davon nicht spürbar, aber dennoch profitieren. Spitzenmedizin kostet, gleichzeitig sollten Spitalsambulanzen vorwiegend ihren ursprünglichen Zweck erfüllen: den teuren stationären Bereich entlasten, weil immer mehr Behandlungen ambulant durchgeführt werden können. Schließlich hat sich die Gesundheitspolitik an einer zweckmäßigen und wirtschaftlichen Therapie aus fachlichen (medizinischen) Gründen zu orientieren, wie es Gesundheitsökonomen seit Jahren fordern.
Doch Spitalsambulanzen ersetzen zwischenzeitlich häufig die fehlende Versorgungsstruktur bei den niedergelassenen Ärzten; vor allem an den Tagesrandzeiten, an den Wochenenden und Feiertagen.
So setzen medizinische Versorgungslücken die Spitalsambulanzen massiv unter Druck. Mit Primärversorgungseinheiten von mehreren Fachärzten will das Land gegensteuern, das gelingt bisher nur zaghaft. Letztlich benötigt es ein mutiges Reformbündel, damit medizinische Qualität für die Patienten und die Finanzierung der Spitäler langfristig abgesichert werden.

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