EU-Budget: Bundeskanzler Kurz und Minister Blümel beharren auf Beitrag von einem Prozent des Bruttonationalprodukts

Weitere Themen: Westbalkan, Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran, TTIP, Türkei

Wien (PK) - Bundeskanzler Sebastian Kurz und Kanzleramtsminister Gernot Blümel bekräftigten heute im EU-Hauptausschuss einmal mehr ihre Position zum künftigen EU-Budget nach dem Brexit. Wie in Österreich soll auch auf EU-Ebene im System und nicht bei den Menschen gespart werden, sagte Blümel und hielt fest, dass man an einem Beitragssatz von 1% des Bruttonationalprodukts (BNP) festhalten wolle. Das Europäische Parlament hat 1,3% vorgeschlagen, die Kommission 1,1% - beides geht der Regierung zu weit. Wenn man bei einem Prozent bleibe, dann würde es aufgrund der guten Konjunktur pro Jahr rund 10 Mrd. € mehr an Mittel geben, rechnete Blümel vor. Die heimische Position sei durchaus realistisch, hielten Blümel und Kurz gegenüber Einwänden der Abgeordneten Jörg Leichtfried (SPÖ) und Alma Zadic (PILZ) fest. Man müsse nur wie bei der Erstellung nationaler Budgets Prioritäten setzen, sagte der Bundeskanzler. Österreich erhalte für seine restriktive Haltung auch viel Zuspruch anderer Länder. Derzeit könne man aber noch nicht konkret beziffern, wie groß das budgetäre Loch durch den Brexit tatsächlich ausfällt, gab Minister Blümel zu bedenken.

Kritisch kommentierte Blümel in diesem Zusammenhang, dass bei den Verwaltungskosten, für die die Kommission derzeit 85 Mrd. € vorsehe, eine Steigerung von 22% eingeplant sei. Sowohl der Bundeskanzler als auch der EU-Minister wiesen darauf hin, dass man durchaus auch die Prozentsätze bei kofinanzierten Bereichen ändern könnte, woraus sich eine andere Dynamik entwickeln würde. So sprach sich Blümel etwa dafür aus, weniger Mittel in für internationale Großkonzerne zur Verfügung zu stellen und im Gegensatz dazu Familienbetriebe stärker zu fördern.

Als langfristiges Ziel nannte Blümel, eine Konditionierung für die Vergabe von Mitteln einzuführen, und zwar nicht nur bei künftigen EU-Staaten, sondern auch bei den derzeitigen Mitgliedsstaaten. Geld sollte es künftig nur dann geben, wenn bestimmte Kriterien erfüllt werden.

Positiv im EU-Budgetentwurf bewertete Blümel die erhöhte Dotierung für den Schutz der Außengrenzen in der Höhe von rund 35 Mrd. €, was einer Steigerung von rund 200% entspricht. Neben personeller und finanzieller Stärkung der Außengrenzen brauche es aber auch eine politische Entscheidung, um sicherzustellen, dass Menschen, die es mit Hilfe von Schleppern bis an die Außengrenze der EU geschafft haben, nach entsprechender Versorgung wieder zurückgeschickt werden, stellte Bundeskanzler Sebastian Kurz in diesem Zusammenhang fest. Einig war sich die Regierungsspitze mit den Abgeordneten in ihrer positiven Haltung zum Plan einer digitalen Steuer. Österreich unterstütze jede Form einer gerechten Besteuerung, betonte Bundeskanzler Kurz gegenüber Jörg Leichtfried, leider würden hier noch drei Staaten blockieren. Die Digitalsteuer von 3% der steuerbaren Erträge von Online-Unternehmen, die jährlich weltweit einen Gesamtumsatz von mindestens 750 Mio. € bzw. EU-weit mindestens 50 Mio. € verdienen, würde den Nationalstaaten zugutekommen. Konkret sieht die EU-Kommission in ihrem Entwurf vor, dass Umsätze aus Internetwerbung, wie zum Beispiel die Zurverfügungstellung von online-Werbeflächen für NutzerInnen, besteuert werden, und zwar dort, wo der Computer steht, wenn das Geschäft getätigt wird. Auch digitale Interaktionen zum Verkauf von Gegenständen und Dienstleistungen würden besteuert, nicht allerdings klassische Internetleistungen wie Streaming-Dienste. Die Mitgliedstaaten würden zudem aus Geschäften wie dem Verkauf von Daten, die Rückschlüsse auf das Nutzerverhalten zulassen, direkte Steuereinnahmen erhalten.

Den Staaten Südosteuropas eine Perspektive bieten

Die Sitzung des EU-Hauptausschusses fand im Vorfeld des informellen Rats in Sofia am 17. Mai statt, der sich vor allem mit der Heranführung der Länder Südosteuropas, sprich der Staaten des Westbalkans, an die EU befassen wird. Dies sei ein Signal zur Ermutigung, ein Zeichen dafür, dass es für diese Länder eine europäische Perspektive gibt, unterstrich der Bundeskanzler. Auch Österreich werde während seiner Präsidentschaft auf die Unterstützung dieser Staaten einen besonderen Fokus legen und seinen Vorsitz nützen, um die Zusammenarbeit mit diesen Staaten weiter zu vertiefen, erklärte Außenministerin Karin Kneissl. Diese Linie wurde auch von den Abgeordneten - explizit von Reinhold Lopatka (ÖVP), Andreas Schieder (SPÖ), Claudia Gamon (NEOS) und Alma Zadic (PILZ) unterstützt. Mit Abgeordneter Zadic war sich der Bundeskanzler darin einig, dass es notwendig sei, die Länder Südosteuropas auf ihrem Weg in die EU zu helfen und zu begleiten, andernfalls würde der Einfluss anderer Staaten stärker.

Die NEOS brachten dazu auch einen Antrag auf Stellungnahme ein, der jedoch nur von der Liste Pilz mitgetragen wurde und damit in der Minderheit blieb. Claudia Gamon wollte damit den Bundeskanzler bei seinen Verhandlungen auf EU-Ebene binden, sich voll und ganz zur gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik und der von der EU-Kommission vorgelegten Westbalkan-Strategie zu bekennen. Österreich solle nach wie vor ohne Einschränkungen sowohl die Unabhängigkeit des Kosovo als auch die territoriale Integrität des Staates Bosnien und Herzegowina anerkennen, so Gamon in ihrem Antrag. Sie fordert darin auch den Bundeskanzler auf, sich deutlich von den Aussagen des österreichischen Vizekanzlers bezüglich der territorialen Integrität Bosniens, der Unabhängigkeit des Kosovo und der Vorwürfe gegen George Soros zu distanzieren.

SPÖ-Antrag zu TTIP vertagt

Angesichts der Aufkündigung des Atom-Abkommens mit dem Iran durch die USA und den drohenden Handelskonflikt mit den USA, werden aber auch diese Thema den kommenden EU-Rat beschäftigen. Es sei klares Ziel der EU, einen Handelskrieg zu vermeiden, stellte Bundeskanzler Kurz dazu fest und wies auf die möglichen negativen Folgen auch für die österreichischen Zulieferbetriebe für die deutsche Autoindustrie hin. Sollte es zu keiner Lösung kommen, müsste die EU angemessene Maßnahmen setzen, so Kurz, er hoffe jedoch, dass es nicht dazu kommen werde.

Die SPÖ nahm den drohenden Handelskonflikt mit den USA zum Anlass, um darauf hinzuweisen, dass die TTIP-Verhandlungen möglicherweise in abgespeckter Form wieder aufgenommen werden könnten, um Strafzölle auf Stahl und Aluminium durch die USA zu verhindern. Jörg Leichtfried warnte in einem Antrag auf Stellungnahme vor einer ernsthaften Bedrohung europäischer Standards durch derartige Abkommen, da dadurch sowohl Lebensmittelstands als auch Rechtsstaatlichkeit und demokratische Mitbestimmung dem Vorrang des ungestörten Handels untergeordnet würden. Das habe mit der ursprünglichen Konzeption von wohlstandsvermehrenden Handelsbeziehungen nichts mehr zu tun, heißt es im Antrag, in dem der Bundeskanzler aufgefordert wird, sich für die Rücknahme des TTIP-Verhandlungsmandats auszusprechen. ÖVP-Abgeordneter Reinhold Lopatka begründete die Vertagung damit, dass die EU gemeinsam auftreten müsse und Österreich hier nicht ausscheren sollte.

Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran - für Europa ein Dilemma

Die Aufkündigung des Iran-Abkommens durch die USA wird von Österreich kritisch gesehen, wie Bundeskanzler Sebastian Kurz und Außenministerin Karin Kneissl betonten. Kneissl sprach von einem Dilemma und einer sehr schwierigen Situation für Europa, auch unter Hinweis auf das Ultimatum des Iran bis 12. Juli die Umsetzung des Abkommens zu garantieren. Kneissl befürchtet vor allem negative Folgen nicht nur für die Sicherheit der Region, sondern auch für das Völkerrecht und den Ruf des Westens als glaubwürdigen Partner.

Ähnlich äußerte sich SPÖ-Klubobmann Andreas Schieder, der negative Auswirkungen in Hinblick auf die Wertigkeit internationaler Verträge befürchtet. Angesichts der vielen Krisenherde habe Österreich als kleiner Staat keine Alternative, als sich auf multilateraler Ebene für eine funktionierende Diplomatie zu engagieren, stellte die Außenministerin gegenüber Abgeordnetem Martin Engelberg (ÖVP) fest.

Österreich weiter für Abbruch der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei

Angeschnitten wurde im Ausschuss auch das Thema Türkei, wobei Kanzleramtsminister Gernot Blümel gegenüber Michaela Steinacker (ÖVP) darauf hinwies, dass die EU-Kommission in ihrem letzten Bericht Rückschritte in Bezug auf Rechtsstaatlichkeit und Grundreche in der Türkei festgestellt habe. Dieser negative Bericht bestätige eine Tendenz, die die Türkei weg von Europa führe. Österreich sehe sich dadurch auch in seiner Meinung bestätigt, die Beitrittsverhandlungen mit dem Land abzubrechen. Selbstverständlich soll die Türkei weiterhin ein strategischer Partner bleiben, merkte Blümel an.

Was die Beziehungen zu Russland betrifft, so setze Österreich weiterhin auf Dialog, hielt Außenministerin Karin Kneissl aufgrund einer Wortmeldung von Johann Gudenus (FPÖ) fest. Das Verhältnis zwischen der EU und Russland habe derzeit einen Tiefstand erreicht, sagte sie, man arbeite jedoch in spezifischen Fragen zusammen und unterstütze die russische Zivilgesellschaft. Auch werde der Kulturaustausch fortgesetzt.

Gegenüber der SPÖ verteidigte die Außenministerin die Teilnahme des österreichischen Botschafters in Israel beim Empfang anlässlich des 70. Jahrestags der Gründung des Staates Israel. Daraus ergäben sich keine völkerrechtlichen Folgewirkungen und es ändere auch nichts an der Position Österreichs. Kneissl stellte zudem klar, dass der österreichische Botschafter nicht an der Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem teilgenommen hat. (Schluss) jan

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