• 15.05.2018, 10:46:42
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Jüdisches Museum Wien: „Verfolgt. Verlobt. Verheiratet – Scheinehen ins Exil“

Wien (OTS/RK) - Das Jüdische Museum Wien, ein Museum der Wien
Holding, zeigt von 16. Mai bis 7. Oktober die neue Ausstellung
„Verfolgt. Verlobt. Verheiratet. Scheinehen ins Exil“ im Museum
Judenplatz. Die Ausstellung erzählt anhand von 13 Frauenschicksalen
die Chancen und Risiken einer Scheinehe als Überlebensstrategie – mit
unterschiedlichem Ausgang.

Scheinehen – Mittel zum Zweck

Im März 1938 begann für österreichische Jüdinnen und Juden ein
Wettlauf gegen die Zeit. Einige Wiener Jüdinnen retteten sich durch
eine Scheinehe mit einem ausländischen Staatsbürger. Diese Ehen
wurden pro forma geschlossen, aus Solidarität oder gegen Bezahlung,
um in ein Land zu gelangen, in dem Jüdinnen und Juden (noch) nicht
verfolgt wurden. Frauen, die bereits im Exil waren, gingen eine
Scheinehe ein, um der Staatenlosigkeit zu entgehen oder sich eine
Arbeitserlaubnis zu verschaffen. Dreizehn Frauenschicksale, darunter
Stella Kadmon und Alma Rosé, berichten von den unterschiedlichen
Lebensgeschichten und den Chancen und Risiken einer Scheinehe als
Überlebensstrategie – mit unterschiedlichem Ausgang. Die
Theaterleiterin Stella Kadmon konnte sich nach Palästina retten, die
Violinistin Alma Rosé wurde in Auschwitz ermordet. Nur wenige Frauen
erzählten später über ihre Scheinehe.

Heiraten kann Leben retten!

Das Jüdische Museum Wien widmet sich dreizehn Frauen, deren
Schicksal stellvertretend für viele andere österreichische Jüdinnen
steht. Die meisten davon haben die Shoah überlebt, allerdings sind in
vielen Fällen die Familienmitglieder von den Nationalsozialisten und
deren Helfern ermordet worden. Einige Frauen sind bis heute bekannt,
die Geschichten vieler anderer lernen wir erst jetzt durch die
wissenschaftliche Aufarbeitung oder dank Aufzeichnungen aus der
Familie kennen. Nur wenige gingen mit ihrer Scheinehe später offen
um.

Scheinehen waren mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in
Deutschland und in Österreich, nach dem so genannten Anschluss, für
viele Jüdinnen die Überlebensstrategie. Sie heirateten Männer, die
über eine ausländische Staatsbürgerschaft verfügten. Da die
Staatsangehörigkeit ausschließlich durch den männlichen Ehepartner
bestimmt war, bot dies jüdischen Frauen eine Möglichkeit sich durch
die Zweckehe ein Schlupfloch in die Freiheit zu eröffnen. In
Österreich hat es übrigens bis zum Jahr 1983 gedauert, dass Frauen
durch eine Novelle des Staatsbürgerschaftsgesetzes das Recht bekamen,
einen Partner durch eine Eheschließung einzubürgern. Allerdings ist
dazu der Nachweis eines längeren Bestandes der Ehe notwendig.

Abgebrochene Lebenswege in Wien

Im Wien des Jahres 1938 ging es für die österreichischen Jüdinnen
um Leben und Tod. Es waren durchwegs couragierte und unerschrockene
Frauen, die die vielen Risiken, die auch mit einer solchen Zweckehe
verbunden waren, nicht scheuten. Meist aus gebildeten, assimilierten
und bürgerlichen Familien stammend, suchten sie offensiv nach Männern
mit einer ausländischen Staatsbürgerschaft.

Diese Frauen wagten den Versuch, mittels einer Scheinehe ihr Leben
zu retten. Wien mussten sie dafür verlassen. Eine Stadt, in der sie
geboren waren oder in der sie ihre Jugend verbracht, eine Ausbildung
absolviert, in der sie sich bereits beruflich etabliert oder einfach
nur ihren Lebensmittelpunkt gefunden hatten. Stella Kadmon, Alma
Rosé, Stella Mann und Anita Bild hatten bereits Karrieren als
Künstlerinnen aufgebaut. Anna Friedler, Hilda Monte, Rosl Ebner und
Yella Hertzka waren politisch organisierte Aktivistinnen, Elisa
Springer hatte ihre Ausbildung gerade erst abgeschlossen, während
Hilde Zaloscer bereits promovierte Kunsthistorikerin war. Sarah
Berger, Minna Roth und Perl Kartyn bewegten sich im Wiener
zionistischen Umfeld.

Selbstbestimmt nach 1945?

Wie viele Frauen versuchten sich mittels einer Scheinehe zu
retten, ist unbekannt. Mit Kriegsende erlosch die Bedeutung der
Scheinehe als Schutz vor dem nationalsozialistischen Regime. Die nun
möglicherweise wieder erwünschte österreichische Staatsbürgerschaft
war für viele Frauen allerdings schwierig wieder zu erlangen.

Einige der vorgestellten Frauen wurden für ihre künstlerischen
oder wissenschaftlichen Leistungen von österreichischen Institutionen
geehrt. Dass sie diese Leistungen vollbringen konnten, war ihrem
Überleben und damit ihrer Scheinehe geschuldet. Hilde Zaloscer
erhielt einige Preise, die sie jedoch nicht mit Österreich versöhnen
konnten. Stella Mann erhielt im hohen Alter zahlreiche Ehrungen, die
sie mit Freude entgegennahm. Im Zuge vermehrter politischer
Auseinandersetzung um die Erinnerung an vertriebene Jüdinnen und
Juden, wurden einige mittels Straßenbenennungen in der Peripherie
Wiens gewürdigt, davon zeugen die Alma-Rosé-Gasse, der
Yella-Hertzka-Park, oder der Stella-Kadmon-Weg.

„Verfolgt. Verlobt. Verheiratet. Scheinehen ins Exil“ ist von 16.
Mai 2018 bis 7. Oktober 2018 im Museum Judenplatz (Jüdisches Museum
Wien), einem Museum der Wien Holding, zu sehen. Zu der von Sabine
Bergler und Irene Messinger kuratierten und von Gabu Heindl/Toledo
iDertschei gestalteten Ausstellung erscheint auch ein zweisprachiger
Katalog zum Preis von EUR 14,90 im Eigenverlag mit zahlreichen
Abbildungen. Das Museum Judenplatz, 1010 Wien, Judenplatz 8, ist von
Sonntag bis Donnerstag von 10 bis 18 Uhr, Freitag 10 bis 14 Uhr
(Winterzeit) bzw. 17 Uhr (Sommerzeit) geöffnet. Das Jüdische Museum
Wien in der Dorotheergasse 11, 1010 Wien ist von Sonntag bis Freitag
10 bis 18 Uhr geöffnet.

Weitere Informationen unter www.jmw.at oder unter info@jmw.at.

Foto- und Pressematerial zu den aktuellen Ausstellungen finden Sie
auf der Homepage des Jüdischen Museums Wien unter
www.jmw.at/de/presse
(Schluss)

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