Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 10. Mai 2018; Leitartikel von Anita Heubacher: "Nur wer stirbt, macht es richtig"

Innsbruck (OTS) - Nach dem Ausscheiden von NEOS-Chef Strolz aus der Politik muss man feststellen: Nur der Tod wird als Exit akzeptiert, sonst können es Politiker nie richtig machen.

Von einer mangelnden Rücktrittskultur in Österreich kann man in der jüngsten Vergangenheit nicht sprechen. Im Mai 2016 trat Werner Faymann als Bundeskanzler und SPÖ-Vorsitzender zurück. Im Mai 2017 folgte Reinhold Mitterlehner mit dem Aus als Vizekanzler und ÖVP-Chef, wenige Tage später verabschiedete sich Grünen-Chefin Eva Glawischnig. Heuer im Mai folgte NEOS-Gründer Matthias Strolz. Er ging, ohne dass er hätte gehen müssen. Die Kritik an seinem Entschluss blieb dennoch nicht aus.
Die vielen Rücktritte können auch als Indiz dafür gewertet werden, wie hart das politische Geschäft inzwischen geworden ist. Ständige Erreichbarkeit, ständig unter Beobachtung der kritischen Medien und seit es „soziale Medien“ gibt, auch einer Dauerverunglimpfung ausgesetzt. Das alles bei mäßigem Gehalt im Vergleich zu Managerposten in der Wirtschaft. Wer soll sich das noch antun? Eine Frage, die sich in dieser Woche ganz besonders auftut, nachdem klar ist, dass Politiker nicht einmal den Ausstieg richtig machen können. Nehmen sie nach dem Politikerdasein einen staatsnahen Job an, ist es ein Versorgungsposten, ungeachtet dessen, ob die Qualifikation stimmt oder nicht. Gibt es zu wenig Angebote, wird das als Bestätigung der Unfähigkeit des Kandidaten gelesen. Gehen sie ohne Druck, lassen sie ihre Partei im Stich. Da müssen wir Journalisten uns auch an der Nase nehmen. Das Image ist ramponiert.
Umso wichtiger ist, dass das System durchlässiger wird. Ein Bürger stellt sich eine Zeit lang der Politik, der Gesellschaft zur Verfügung und tritt danach ins „normale“ Leben zurück. Unbeschadet. Wenn das nicht funktioniert, wird es langsam, aber sicher systemgefährdend, weil der Pool an qualifizierten Kandidaten auszutrocknen droht.

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