TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 12. April 2018 von Christian Jentsch - Kriegstreiber und das Ende der Vernunft

Innsbruck (OTS) - Nicht nur im Syrienkrieg droht eine gefährliche Eskalation zwischen den USA und Russland. In einer Atmosphäre der Angst und des Misstrauens ist eine Konfrontation möglich – mit unabsehbaren Folgen für uns alle.

Trotz all der Aufwiegelungen, dem ständigen Drehen an der Eskalationsschraube, den immer lauter werdenden Warnungen vor der Wiederkehr des Kalten Krieges: An eine neue direkte Konfrontation zwischen den USA und Russland glaubte bisher kaum einer. Zu fatal die Folgen für beide Seiten, undenkbar für einen halbwegs normal denkenden Politiker oder Militär. Und: Der Kampf der Ideologien ist längst Geschichte, der Kalte Krieg nur noch eine leise Erinnerung. Doch nun diese Töne. US-Präsident Donald Trump kündigt per Kurznachrichtendienst Twitter (!!!) einen Raketenangriff in Syrien als Vergeltung für den mutmaßlichen Giftgasangriff von Assads Truppen auf die Rebellenhochburg Duma an. Und das, nachdem Russland angekündigt hatte, US-Raketen über Syrien abzuschießen und auch jene US-Kriegsschiffe ins Visier zu nehmen, von denen die Marschflugkörper abgefeuert würden. „Mach dich bereit, Russland, denn sie (die Raketen) werden kommen, hübsch und neu und intelligent!“, twitterte Trump in Richtung Moskau. Das würde dann nichts weniger als eine direkte Konfrontation der beiden Atommächte bedeuten. Mit Folgen, die wir uns lieber nicht ausmalen.
Experten der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) sollen die Vorwürfe des Giftgasangriffs demnächst vor Ort überprüfen. Sinn hätte der Giftgasangriff auf die bereits besiegte Rebellenhochburg für die Armee Assads keinen gemacht. Andererseits hat Syriens Präsident schon zahlreiche Kriegsgräuel zu verantworten. Doch der Verdacht kommt auf, dass es gar nicht so sehr um die Suche nach der Wahrheit geht. Es geht vielmehr um das Drehen an der Eskalationsschraube, um den Kampf um Macht und Einfluss der Super-und der Regionalmächte in Syrien – mit allen Mitteln. Wobei zahlreiche Nebelgranaten den Blick auf die eigentlichen Ziele verdunkeln. Ein zynisches Spiel auf der großen Bühne geostrategischer Interessen.
Trump war als US-Präsident angetreten, um die Spannungen mit Russland zu überwinden. Davon ist nichts geblieben, auch weil immer noch zahlreiche Kriegstreiber hüben wie drüben über großen Einfluss verfügen. Alles wird auf die Spitze getrieben, wie auch in der Affäre um den vergifteten Agenten Skripal. So wird eine Atmosphäre des Misstrauens und der Angst geschaffen.
Trump ist als US-Präsident angesichts seiner Twitter-Attacken schlicht ungeeignet, eine Weltmacht zu führen. In die Ecke gedrängt, scheint er zu vielem fähig. Und wenn noch gefährliche Einflüsterer dazukommen, bleibt die Vernunft auf der Strecke.

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