Bischöfe in Sarajewo: Friedensstifter im Gedenkjahr

Österreichische Bischofskonferenz zu Ereignissen vor 100 bzw. 80 Jahren: "Bis in die Gegenwart wirkmächtige" Wendepunkte in Österreichs Geschichte, aus denen Lehren für Zusammenleben zu ziehen sind - Weitere Erklärungen zur Lage in Bosnien-Herzegowina, zum interreligiösen Dialog und zum Thema Jugend - ZUSAMMENFASSUNG

Sarajewo-Wien (KAP) - Zur traditionellen Frühjahrsvollversammlung der Österreichischen Bischofskonferenz gab es heuer eine Premiere:
Erstmals tagten die Bischöfe vom 4. bis 8. März in Sarajewo, um ein Zeichen der Solidarität mit den Christen im weiterhin von den Narben des Krieges gezeichneten Bosnien und Herzegowina zu setzen. Doch nicht nur die Situation in Bosnien und Herzegowina war Thema der Tagung: Auch das Gedenkjahr 2018, in dem der Republiksgründung vor 100 Jahren und des "Anschlusses" an Hitlerdeutschland vor 80 Jahren gedacht wird, waren Gegenstand der Beratungen sowie der interreligiöse Dialog und die Weltbischofssynode zum Thema Jugend im Oktober 2018.

Bosnien und Herzegowina sei "noch immer nicht zu einem vollen und gerechten Frieden gekommen", konstatieren die Bischöfe in einer "Gemeinsamen Erklärung" beider Bischofskonferenzen, die am Donnerstag veröffentlicht wurde. Unabdingbar für einen nachhaltigen Frieden seien der Respekt der Menschenwürde und "aller Rechte und Freiheiten für alle Angehörige der drei in Bosnien-Herzegowina lebenden Völker". Es dürfe keine "Bürger zweiter Klasse" und Mechanismen einer systematischen Benachteiligung geben, halten die Bischöfe fest. Zugleich würden sie Bosnien und Herzegowina auch auf dem Weg der europäischen Integration unterstützen: Das Land sei durch seine Geschichte und sein reiches kulturelles Erbe ein Teil Europas.

Das Gedenkjahr 2018 - 100 Jahre nach der Republiksgründung und 80 Jahre nach dem "Anschluss" an Hitlerdeutschland - soll indes Anlass sein, sich den "mühsam errungenen Wert von Menschenrechten, Demokratie und Gemeinwohl" wieder so bewusst zu machen, "dass der Einsatz dafür angesichts immer wieder vorhandener Gefährdungen stärker ist und bleibt": Diesen Appell richtet die Österreichische Bischofskonferenz in ihrer Erklärung "1918 - 1938 - 2018. Erinnern und Gedenken" an die Gläubigen.

Österreich gedenke heuer zweier folgenschwerer Wendepunkte in seiner Geschichte, "die bis in die Gegenwart wirkmächtig sind und deren Lehren für das künftige Zusammenleben in Frieden bedeutsam bleiben", weisen die Bischöfe hin. Dabei seien diese beiden Ereignisse höchst unterschiedlich: 1918 brachte für Österreich das Kriegsende und die auch kirchlicherseits begrüßte Errichtung von Republik und Demokratie, 1938 markierte das Verschwinden Österreichs von der Landkarte und den Beginn einer "beispiellosen Gewaltherrschaft" mit Abermillionen Opfern des Krieges und der Shoah, erinnern die Bischöfe. Dabei benennen sie nüchtern die Rolle ihrer Vorgänger und der katholischen Kirche insgesamt bei der Aushöhlung demokratischer Errungenschaften in der Zwischenkriegszeit und gegenüber dem Nazi-Regime.

Der Wiener Erzbischof, Kardinal Friedrich Gustav Piffl, habe trotz der damit beendeten engen Verbindung mit der Habsburger-Monarchie noch am Tag der Ausrufung der Ersten Republik - am 12. November 1918 - den Klerus aufgerufen, die Gläubigen zur "unbedingten Treue gegenüber dem nunmehr rechtmäßigen Staate" zu ermahnen. "Tragischerweise" sei es in der Folge zu einer immer stärkeren Polarisierung zwischen Christlichsozialen und Sozialisten gekommen. "Durch die enge Verbindung mit dem politischen Katholizismus war die Kirche selbst Teil der Auseinandersetzungen und zu wenig in der Lage, glaubwürdig für alle das Evangelium zu bezeugen und Brücken zwischen den rivalisierenden Parteiungen zu bauen", heißt es in der Erklärung selbstkritisch.

Danach habe die "absurde Ideologie des Nationalsozialismus" mit ihren rassistischen, antisemitischen und völkischen Parolen in Österreich die Macht ergriffen, die katastrophalen und menschenverachtenden Konsequenzen hätten die damaligen Bischöfe wie viele andere "nicht deutlich genug erkannt oder benannt". Auch "ein jahrhundertelang religiös verbrämter Antijudaismus" hatte laut der Erklärung zur Folge, dass es unter den Christen "zu wenige, viel zu wenige Gerechte" wie den Seligen Franz Jägerstätter gab.

Der Blick zurück zeigt nach Überzeugung der Bischöfe auch, "dass Läuterung und Lernen aus der Geschichte möglich und notwendig sind". Die politischen Verantwortlichen hätten nach 1945 statt auf Rache und Misstrauen auf Recht und Kooperation gesetzt, die Bischöfe bekannten sich zur "einer freien Kirche in einer freien Gesellschaft", die Europäische Union habe als "Antwort auf die zerstörerischen Kräfte eines überzogenen Nationalismus" Gestalt gewonnen. Fundament für diese Entwicklungen "war und ist eine demokratische Ordnung auf Basis der Menschenrechte".

Schließlich unterstrichen die Bischöfe in einer weiteren Erklärung die Notwendigkeit eines aufrichtig geführten interreligiösen Dialogs für den Frieden: Der Tagungsort Sarajewo sei "ein Modell für ein über Jahrhunderte lang gelungenes, tolerantes, wenn auch nicht immer konfliktfreies Zusammenleben zwischen den Angehörigen verschiedener Religionen", zugleich aber auch durch den Krieg von 1992 bis 1995 mit Tausenden Toten ein "Mahnmal von Zerstörung". Zum interreligiösen Dialog gebe es keine Alternative: "Multireligiöses Zusammenleben in Gerechtigkeit und Toleranz, Freiheit und Verantwortung sind ein bleibender Auftrag für alle Staaten und Religionsgemeinschaften." Österreich bringe dafür gute Voraussetzungen mit - durch die staatliche Anerkennung des Islam als Religionsgesellschaft bereits 1912 und eine "vorbildliche religionsrechtliche Ordnung" als Rahmen, so die Bischöfe.

In einer letzten Erklärung blickt die Bischofskonferenz auf die Weltbischofssynode zum Thema Jugend im Oktober 2018 in Rom voraus und verweisen auf das vorbereitende Projekt "Jesus in the City" von 7. bis 10. Juni in Wiener Neustadt. "Was junge Menschen glauben und erhoffen, ist für deren Zukunft genauso wichtig wie für die Kirche und ihren Dienst an den Menschen", betonen die Bischöfe. Bei aller Unterschiedlichkeit jugendlicher Milieus und Lebensstile gebe es dennoch Anliegen, die den Großteil der jungen Menschen im Blick auf Kirche verbinden: "Zurecht erwartet" würden Unterstützung bei der Lebensbewältigung, Mitsprache und Mitverantwortung, lebensnahe und zeitgemäße Orientierung sowie Begleitung, Gemeinschaft und Engagement, Offenheit und Experimentierfreudigkeit, aber auch Authentizität und Spiritualität.

Alle Meldungen, Wortlaute der Erklärungen und Fotos zur Frühjahrsvollversammlung der Bischofskonferenz auch im Kathpress-Themenpaket unter www.kathpress.at/bischofskonferenz.

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