TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 20. Jänner 2018 von Mario Zenhäusern "Streicheleinheiten statt Kritik"

Innsbruck (OTS) - Anders als im Jahr 2013, als die ÖVP mit dem Slogan „Wir oder das Chaos“ die versammelte Opposition in Schach hielt, prägen bis jetzt eher sanfte Töne den Landtagswahlkampf in Tirol.

In fünf Wochen küren die Tirolerinnen und Tiroler einen neuen Landtag. Der Wahlkampf biegt langsam in die Zielgerade – und er unterscheidet sich grundlegend von der Wahlauseinandersetzung des Jahres 2013. Damals versuchte die versammelte Opposition einen Schul­terschluss gegen die seit mehr als 70 Jahren den Ton angebende ÖVP – und scheiterte grandios. Die Mehrheitspartei unter LH Günther Platter nützte die gemeinsame Front gegen sie geschickt aus, um die eigene Wählerschaft zu motivieren und vor „italienischen Verhältnissen“ zu warnen, sollte es der Vielzahl an Listen tatsächlich gelingen, die ÖVP von den Hebeln der Macht zu verdrängen. Eine erfolgreiche Strategie: Platter schnitt bei den Wahlen tatsächlich wesentlich besser ab als in den Umfragen vorausgesagt. Heuer ist alles anders. Statt auf die ÖVP und deren Chef loszugehen, sind plötzlich Schmeicheleinheiten zu hören. Für FPÖ-Bundesparteichef Heinz-Christian Strache und FPÖ-Landesobmann Markus Abwerzger zum Beispiel ist unbestritten, dass Platter nach dem 25. Februar die stimmenstärkste Partei anführen und deshalb auch der nächste Tiroler Landeshauptmann werden wird. Den Blauen geht es nur um Platz zwei – und um die Möglichkeit, endlich mitzuregieren. Als Koalitionspartner wie auf Bundesebene.
Auch NEOS-Spitzenkandidat Dominik Oberhofer gibt sich im TT-Chat konziliant: Platter sei zwar kein Mann mit großen Visionen, aber er wirke sehr besonnen und vertrete ein weltoffenes, liberales Menschenbild. Kritik, zumal in Wahlkampfzeiten, schaut anders aus. Weil die Grünen außer Tritt und in zentralen Fragen loyal zum Regierungspartner ÖVP sind, ja selbst Andrea Haselwanter-Schneider (Liste Fritz) im TT-Chat von einer „übermächtigen ÖVP“ spricht, gegen die jeder Koalitionspartner nur verlieren könne, ist von der oppositionellen Einheit des Jahres 2013 gegen Platter nichts mehr übrig.
Die ÖVP muss sich also eine neue Taktik überlegen. Die Parole „Wir oder das Chaos“ hat angesichts der Zurückhaltung im Lager der politischen Konkurrenz ausgedient. Wohl auch aus diesem Grund hat Spitzenkandidat Platter zuletzt die Schlagzahl erhöht. Er spielt verstärkt die bundespolitische Karte, distanzierte sich deutlich von Avancen der Tiroler Freiheitlichen und nahm den Grünen die Themenführerschaft in Sachen Transitverkehr ab. Aber auch der Landeshauptmann agiert mit dem Florett, nicht mit dem Bihänder. Schließlich gilt es, zumindest Hintertüren für eine spätere Zusammenarbeit offen zu halten.

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