Ordensschulen und katholische Privatschulen sollen Stachel bleiben und noch mehr werden

"Unsere Schulen sollen Stachel im Fleisch sein in die Richtung, dass in der Bildung der ganze Mensch in den Blick genommen wird.“ Rudolf Luftensteiner bei Tagung.

Salzburg (OTS) - Bei der gesamtösterreichischen Tagung der SchulerhalterInnen und DirektorInnen katholischer Privatschulen (AHS und BAfEB) in Salzburg von 15. – 17. Jänner 2018 stellte der Leiter des Bereiches Bildung und Ordensschulen bei den Ordensgemeinschaften Österreich Rudolf Luftensteiner fest, dass die Lebensform der Ordensleute heute eine Reduktion erfährt, sie weniger werden und sie damit weniger in den Schulen selber präsent sind. Er sieht darin aber einen Auftrag in Richtung Zukunft: „Und doch sollen und werden die Ordensschulen entlang der Ordenscharismen weiterentwickelt. Neue Bilder, neue Sprache und neue Zugänge zu dem, was mit jedem Ordenscharisma gemeint ist, werden notwendig und gerade erarbeitet. Wir bleiben Ordensschulen. Die große Herausforderung steht uns insofern gegenüber, welche Bilder und Träume wir realisieren, wenn wir Ordensschule, katholische Privatschule in die Zukunft führen. Unsere Schulen sollen Stachel im Fleisch sein in die Richtung, dass in der Bildung der ganze Mensch in den Blick genommen wird. Ordensschulen und katholische Privatschulen sollen Stachel bleiben und noch mehr werden.“

Propheten sind Wirklichkeitsexperten

Der Theologe und Therapeut Georg Beirer aus Bamberg spricht zu den fast 90 SchulerhalterInnen und DirektorInnen katholischer Privatschulen und Ordensschulen über die „prophetischen Herausforderungen“ und der „Dynamik einer sich erneuernden Identität“. „Propheten schauen ungeschönt die Wirklichkeit an, weil sie die Wirklichkeit mit den Augen Gottes sehen können.“ Prophetisch wird man, wenn man zweckfrei an den Menschen erinnert. Zu oft ist heute vom „Faktor Mensch“ die Rede. „Wer die Wirklichkeit wirklich sieht, wird eine Leidenskompetenz aufbauen. Er oder sie sieht, was wirklich los ist.“ So wird immer wieder Not angesprochen, angeklagt und dagegen etwas getan werden. „Ordensschulen und katholische Schulen in anderer Trägerschaft sollten kritisches Denken hervorbringen. Alles Tun soll getragen sein von der Liebe zum Menschen, gerade zum leidenden und geschundenen.“ Auch Gott geht es immer um den Menschen: „Propheten erinnern ganz gefährlich an den Menschen. Sie sind Liebhaber der Menschen, haben Visionen und Lust auf neue Wege.“ Die Kompetenz gewinnen die Propheten in ihrer Offenheit auf Gott und die Menschen hin. Sie haben Geduld in ihrer Mühe und ebenso in der Ablehnung. „Selbstbewusst und aufrecht die Wirklichkeit bewältigen. Gerade auch als Fragment, das auf das Ganze hinweist.“ Beirer ermutigt die Schulverantwortlichen, „auch kreativen Widerstand zu leisten, wo der Mensch nicht in seinem tiefen Wert gesehen und behandelt wird“.

Glaubensprofil statt Kirchenprofil

Die heutige Krise enthält die wirkliche Kraft zur Kreativität. Beierer: „Die Rettung der Aufklärung ist profilgebend für Ordensschulen. Pluralität, Segmentierung, Differenzierung, Spezialisierung sind Realitäten. Glaube wird darin genauso ein Identitätssegment, wird austauschbar.“ Individualisierung und Augenblicklichkeit prägen die heutigen Menschen und heutige Institutionen. Beirer konstatiert einen Plausibilitätsverlust der Kirche: „Kirche hat narzisstische Züge entwickelt. Man ist mit sich selbst beschäftigt. Die Themen begeistern nicht mehr. Nebensächlichkeiten sind in die Mitte gewandert. Kann uns Gott überhaupt noch berühren, anrühren?“, fragt der Referent der Tagung. Die Schulen sollen ein Glaubensprofil entwickeln und kein „Kirchenprofil“. Und Beirer sieht in den Ordenschristen eine große Inspiration für die Weiterentwicklung der Gesellschaft: „Wenn die Lebensform der Ordenschristen verschwinden würde, würde das gesellschaftlich eine Katastrophe bedeuten.“

Die Ohnmacht mit Kompetenz beantworten

Beirer empfiehlt, Ohnmachtserfahrungen mit Kompetenz und nicht mit „Macht“ beantworten zu wollen: „Ohnmacht ist nicht das Zentrum, sondern eine Lebenserfahrung, ein Segment der Wirklichkeit. Ohnmacht ist eine Chance. Christen setzen an bei der Ohnmachtssituation. Das ist ein erster entscheidender Schritt: Diese Wirklichkeit annehmen.“ Wer in die Macht geht, wird mit Gewalt zu tun bekommen. Und hier muss jeder und jede in die persönliche Verantwortung gehen: „Die Krise ist der Moment, wo das Neue durchbricht. Krise bedeutet nicht, dass das Jetzt katastrophal ist, sondern sich darin das Neue ankündigt. Deshalb: Klare Sicht auf die Dinge. Bereitschaft zur Veränderung. Befreiungserfahrungen ermöglichen und als Chance neuer Gestaltung von Lebensmöglichkeiten. Und: In neue Denkstrukturen eintauchen. Es gibt keine bessere Zeit als unsere. Jetzt. In diesen Gefilden sollten sich Ordensschulen und katholische Schulen herumtreiben.“

Die Gefahren der Digitalisierung

„Wenn das Umfeld stimmt, kann die Digitalisierung in der Bildung keinen Schaden anrichten“, stellt Matthias Burchardt von der Universität Köln an den Anfang seines kritischen Zugangs zur Digitalisierung im Bildungsbereich.Die Generation der „digital natives“ können wir auch als „digital prisoners“ sehen. Gefangene der digitalen Geräte. Der Digitalexperte Burchardt plädiert für eine offene digitale Anamnese, um daraus eine gesellschaftliche Bewertung zu gewinnen. Es zeigt sich, dass die Demokratisierung in Totalüberwachung übergegangen ist, die Meinungsfreiheit in Algorithmus basierte Meinungsblasen mündet, die Vielfalt einem Konformitätsdruck weicht und Monopolisierung verstärkt wird. Gemeinschaftlichkeit zeigt sich als Ansammlung von „Vereinzelten“. Fakenews und Manipulation höhlen die Demokratie aus, neue Machteliten bilden sich heraus und sie regieren den „Cyberspace“. Das Web ist das Instrument der Globalisierung. Entgrenzung und Totalökonomisierung, Aufhebung der Privatsphäre und Beschleunigung heben Zeit, Rituale und Feiertage auf. „Dem Menschen wird die Freiheit genommen und er wird zum systemkonformen Nutzer degradiert.“

Festhalten am „anderen Wahrheitsparadigma“

Den Schulen rät der Digital-Spezialist: „Es geht darum, einen weiten und breiten anthropologischen Rahmen für die Bildung zu schaffen und nicht auf Geräte fokussiert vorzugehen. Es geht darum, medienpädagogisch kritische Vor- und Nachbereitung der Nutzung von digitalen Medien zu machen. Wichtig ist zu durchschauen, dass alle Digitalisierung als Ziel angegeben wird und nicht als Mittel, als Weg einer ganzheitlichen Bildung. Der gläserne Schüler ist für Big Data das Ziel. Lernsoftware ist immer mit der Sammlung von möglichst vielen Daten verbunden. Optimierung und Steuerung von Verhalten ist das Ziel. Aber es gilt immer die Frage zu stellen: Wer definiert das Optimum?“ Was ist zu tun? „Bleiben sie Souverän in den Bildungsaktivitäten. Wichtig ist, die Mechanismen, Annahmen und Interessen der Digitalisierung zu durchschauen. Es steht ein Kulturwandel an, der aber in unserer Hand liegt. Er darf uns nicht genommen werden. Es braucht den Primat des pädagogischen Interesses weit vor den Interessen der Konzerne und Machtinteressen. Es braucht ein Festhalten am „anderen Wahrheitsparadigma“ in den Schulen. Die Aufkündigung des Wahrheitsgedankens selber ist ein „Verbrechen“. Aus christlicher Sicht ist die Wahrheit in der Beziehung zu Gott zu gewinnen. Diese Offenheit ist offen zu halten. Diese Alternative gilt es wach zu halten, lebendig zu gestalten.“

Die Tagung wird gemeinsam veranstaltet von den Ordensgemeinschaften Österreich – Bereich Bildung und Ordensschulen, der IDA (Interdiözesanes Amt für Bildung und Erziehung) und KPH Wien/Krems.

Rückfragen & Kontakt:

Ferdinand Kaineder +43 699 1503 2847

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | AGO0001