TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Resistente Reformverweigerer", von Peter Nindler

Ausgabe vom 27. Dezember 2017

Innsbruck (OTS) - Die Schulden der ausländischen Gastpatienten schreien förmlich nach Reformen in der Europäischen Union. Doch bisher scheiterten alle Therapieversuche. Im Tiroler Spitalswesen sind die Anti-Reform-Keime ebenfalls widerstandsfähig.

Digitalisierte Welt? Langsames Europa! Dass die heimischen Spitäler und Ärzte 18 Monate und mehr auf ihr Geld von Behandlungen warten müssen, ist nicht nachvollziehbar. Offenbar beschäftigt sich die Europäische Union lieber mit dem Krümmungsgrad von Salatgurken oder der Pommes-Verordnung, anstatt sich mit den tatsächlichen Herausforderungen der Zeit zu beschäftigen. Allein 81,4 Millionen Euro schulden ausländische Gastpatienten dem Tiroler Gesundheitsfonds. Geld, das dann den Spitälern fehlt, die ohnehin mit steigenden Ausgaben konfrontiert sind.
Eine wie in vielen Ländern praktizierte private Vorabkasse kann nicht die Lösung in einem Top-Tourismusland mit 48 Millionen Nächtigungen sein. Das flächendeckende Angebot mit Ärzten, Krankenhäusern und Apotheken sowie die medizinische Versorgung und Hilfe in Notfällen ist auch ein touristisches Qualitäts- und Destinationsmerkmal. Aber vergeblich drängt Österreich seit Jahren auf eine Reduzierung der Zahlungsfristen zwischen den Sozialversicherungsträgern. Genützt hat es bisher nichts, weil sich die EU standhaft vor einer wirksamen Therapie gegen dieses chronische zwischenstaatliche Krankheitsbild schraubt. Also weiterfretten und hoffen, dass der resistente EU-Widerstandskeim endlich einmal beseitigt wird.
Schnellere Zahlungsmodalitäten würden die Budgets der Spitäler deutlich entlasten, weil die Außenstände bzw. die Behandlungskosten schließlich vorfinanziert werden müssen. Deshalb wäre diese äußere Reorganisation ein wesentlicher Fortschritt, die innere Strukturreform kann sie allerdings nicht ersetzen. Mittelfristig erhöhen sich nämlich die Gesundheits- und Krankenhausausgaben für die Tiroler Gemeinden um fünf Prozent, die Belastungswelle für die Daseinsvorsorge überrollt die Kommunen. Zum Teil mussten die Bezirkskrankenhausverbände in den Vorjahren die Spitalsbeiträge für ihre Gemeinden kräftig erhöhen, um die Gehaltsanpassungen für das (ärztliche) Personal und Investitionen in die Qualität der Krankenhäuser zu stemmen.
Die von Gemeindeverbandspräsident Ernst Schöpf geforderte Angebotsgliederung in den Bezirksspitälern bleibt den Bürgermeistern deshalb nicht erspart. Dass nicht mehr jedes Krankenhaus alles anbieten kann, damit müssen sich die Regionalpolitiker langsam abfinden. Weil ein Spital aber auch so etwas wie ein politischer Machtradius ist, tun sie sich dementsprechend schwer damit. Womit wir wieder bei den resistenten Anti-Reform-Keimen wären.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001