TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 7. Dezember 2017 von Florian Madl "Putin ist dem IOC zu Dank verpflichtet"

Innsbruck (OTS) - Mit der Entscheidung, russische Athleten von den Olympischen Winterspielen 2018 auszuschließen, leistete das IOC ungewollt Schützenhilfe zur innenpolitischen PR Wladimir Putins. Und um die Fußball-WM muss keinem bang sein.

Das Internationale Olympische Komitee wollte mit dem Teil-Ausschluss russischer Athleten ein Zeichen setzen und vollzog das im Rahmen seiner Möglichkeiten zaghaft. Das Wehklagen russischer Funktionäre darf als gekonnte Inszenierung erachtet werden, zumal die Sportnation mit einer Dreistigkeit ein staatlich gesteuertes Dopingsystem verankerte, das an die Zeit des Kalten Kriegs erinnert. Derart vernetzt und ungeniert durften sich Wissenschafter bislang wohl noch nie über unerlaubte Praktiken in Sachen Leistungssteigerung austauschen wie in diesem Fall. Doch das IOC geht fehl in der Annahme, man habe mit der Sanktion nur zur eigenen PR beigetragen. Denn die weltpolitischen Auswirkungen scheinen weniger gravierend als die innenpolitischen, Staatspräsident Wladimir Putin vermag aus der russischen Büßerrolle durchaus Kapital zu schlagen:
Die sportliche Isolation eint ein durch viele Debatten entzweites Land und lässt die Mär von der Weltverschwörung bei vielen seiner Landsleute glaubhaft erscheinen. An der Spitze dieser Strategie thront der vermeintliche Initiator USA, wo Doping-Whistleblower Grigori Rodtschenkow im Zeugenschutzprogramm steht und über westliche Medienkanäle seine Heimat denunzieren würde. Eine Legende, die sich pünktlich vor der Präsidentenwahl am 18. März 2018 – drei Wochen nach Ende der olympischen Winterspiele also – in politisches Kleingeld ummünzen lässt.
So unpolitisch das Internationale Olympische Komitee auch zu sein glaubt, so sehr eignet sich der größte Sportverband der Welt doch als Fußball der Mächtigen. Ein Schlagwort, denn der Welt-Fußballverband negiert den Dopingskandal wie die anhaltende Korruption in den eigenen Reihen. Die FIFA verwehrt sich beharrlich gegen eine Kontaktaufnahme mit Whistleblower Rodtschenkow, man müsse zuerst die Untersuchungen abwarten. Wahrscheinlich dauern diese bis zum Ende der russischen Fußball-Weltmeisterschaft im Juli 2018 an, um nur ja nicht mit dem so finanzstarken Gastgeber in Konflikt zu geraten. Während das IOC zumindest den Eindruck vermitteln wollte, unabhängig zu entscheiden, versucht es die FIFA gar nicht erst. „O tempora, o mores!“ (Was für Zeiten, was für Sitten!) Damit beklagte der lateinische Philosoph Cicero einst die Zustände im alten Rom. Und wer sich das alte Kolosseum sinnbildlich als Sportstadion von heute vorstellt, kann dieser Erkenntnis über Werteverfall nur beipflichten.

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