„Gender Dschihad – Frauen verändern den Islam“ und „Nikolaus – Karriere eines Superheiligen“ in „kreuz und quer“

Am 5. Dezember um 22.35 Uhr in ORF 2

Wien (OTS) - Als die afroamerikanische Wissenschafterin Amina Wadud 2005 zum ersten Mal medienöffentlich ein islamisches Freitagsgebet vor Männern und Frauen in New York führte, waren Muslime weltweit empört. Denn nach Ansicht der islamischen Orthodoxie dürfen Frauen nur rein weibliche Gebetsgruppen leiten. Amina Wadud verwendete auch den Begriff „Gender Dschihad“ – als Bezeichnung für den Kampf muslimischer Frauen um Geschlechtergerechtigkeit in Familie, Arbeit und auch bei der Ausübung religiöser Berufe. Mehr als zehn Jahre später gibt es in vielen Ländern der Welt Imaminnen, aber auch Theologinnen, Lehrerinnen und gebildete Frauen, die sich das Recht nehmen, die Religion im Hinblick auf die ihnen zugewiesenen Rollen kritisch zu hinterfragen. Die Dokumentation „Gender Dschihad – Frauen verändern den Islam“ von Thomas Grusch und Elisabeth Krimbacher, die „kreuz und quer“ – präsentiert von Doris Appel – am Dienstag, dem 5. Dezember 2017, um 22.35 Uhr in ORF 2 zeigt, porträtiert drei Frauen in Dänemark, Deutschland und Österreich, die auf unterschiedliche Weise versuchen, durch ihre Arbeit und ihr gelebtes Vorbild den Islam zu verändern. Ist die Zukunft des Islams weiblich? Und ist die muslimische Gemeinde schon bereit für einen solchen Wandel?

In diesen Tagen ist er wieder anzutreffen, der Mann in Rot mit weißem Bart: der heilige Nikolaus – oder Santa Claus, wie er in englischsprachigen Ländern genannt wird, ein freundlicher älterer Herr, der den Kindern Geschenke bringt. In der „kreuz und quer“-Dokumentation „Nikolaus – Karriere eines Superheiligen“ begibt sich der deutsche Filmemacher Martin Papirowski um 23.20 Uhr auf die Suche nach der historischen Wahrheit hinter dem beliebten Gabenbringer, der es im 20. Jahrhundert als Werbebotschafter für eine braune Limonade zu ungeahnter Popularität gebracht hat.

„Gender Dschihad – Frauen verändern den Islam“ – Ein Film von Thomas Grusch und Elisabeth Krimbacher

Sherin Khankan, Dänemarks erste Imamin, ist ein Liebling der Medien. Die 42-jährige Mutter von vier Kindern hat sich selbst zur Imamin ausgebildet und 2016 die „Mariam Moschee“ gegründet – ein Gebetsraum in einer Einkaufsstraße. Hier wird das Freitagsgebet regelmäßig von Frauen geleitet, auch Seelsorge findet statt, es gibt interkulturelle Hochzeiten und Scheidungen. Khankan bezieht die Legitimation für ihr Tun vor allem von den „starken“ Frauen rund um Mohammed: Aisha und Umm Salama, auch sie wären schon als Predigerinnen tätig gewesen. Die Frauen rund um Khankan möchten zurück zu den Ursprüngen des Islams und das freilegen, was später durch die männliche Koran-Exegese verschüttet und zu Ungunsten der Frauen verändert wurde.

Anders als bei der katholischen Kirche gibt es im Islam keine zertifizierte Ausbildung eines Imams – seine Funktion ist also nicht mit der eines Priesters zu vergleichen, obwohl er ähnliche Aufgaben hat. Deshalb kann die Ausbildung zur Imamin oder zum Imam auch autodidaktisch erfolgen. An die Vorbeterinnen in der Mariam-Moschee stellt Khankan aber klare Ansprüche: Alle Frauen müssen einen Master-Abschluss vorweisen, zum Beispiel in Arabisch oder in Islamwissenschaften. Eine weiblich geführte Moschee könne das Bild des Islams verändern, weil sie die Idee, der Islam sei frauenverachtend, erschwere. „Es ist schwierig zu behaupten, dass eine Frau unterdrückt ist, wenn sie eine Leitungsfunktion einnimmt“, so Khankan. Zentral in ihrem Ansatz ist das Bekenntnis zu einem langsamen Wandel. Khankan will Brücken bauen und nicht alle Brücken hinter sich abreißen, denn sie ist sich sicher, dass die muslimische Gemeinde noch nicht bereit ist für einen radikalen Wandel.

Am 16. Juni 2017 eröffnete Seyran Ates, Frauenrechtlerin und Rechtsanwältin kurdisch-türkischer Herkunft, in Berlin die liberale „Ibn-Rushd-Goethe-Moschee“: einen kleinen Gebetsraum, der in einer evangelischen Kirche untergebracht ist. Frauen mit oder ohne Kopftuch sowie Männer dürfen hier gemeinsam und nebeneinander beten, Homosexuelle, Schiiten, Sunniten, Alewiten, auch Atheisten – alle sind willkommen. Frauen halten das Freitagsgebet und sind auch als Gebetsruferinnen tätig. Während bei der Eröffnung der Andrang riesig war, ist vier Monate später eine Handvoll Menschen übriggeblieben, die zum Freitagsgebet kommt. Das Projekt ist zwar bei den Medien sehr beliebt, in der muslimischen Community aber stark umstritten. Seyran Ates steht seit vielen Jahren unter Personenschutz, bereits 1984 wurde sie bei einem religiös-nationalistischen Attentat schwer verletzt. Sie hat den Kampf gegen den radikalen Islam, der Frauenrechte missachtet und im Widerspruch zu den europäischen Werten steht, zu ihrem Lebensthema gemacht – dass es Gegenwind gibt, ist für sie nichts Neues. Seit der Eröffnung ihrer liberalen Moschee erhält sie täglich Hass-Postings, unter anderem auch mit Morddrohungen, die oberste Fatwa-Behörde in Kairo hat ihr Projekt als „unislamisch“ verurteilt.

In Österreich sind die Frauen der Imame als Seelsorgerinnen für weibliche Gemeindemitglieder in einigen Moscheen tätig, ohne jedoch öffentlich Anspruch auf strukturelle oder frauenpolitische Veränderungen zu erheben; offizielle Imaminnen treten nicht in Erscheinung oder stehen nicht für ein Interview zu Verfügung. Hier sind es vor allem die Theologinnen und Pädagoginnen, die etwas innerhalb der Community verändern wollen. Fachinspektorin Carla Amina Baghajati setzt sich seit mehr als 20 Jahren für Frauenagenden ein, sie ist eine von zwei Frauen, die im Obersten Rat der Islamischen Glaubensgemeinschaft aktiv sind. Impulse setzen, „die auch in der Community ankommen“, will sie nicht nur durch ihre Arbeit als Lehrerin. Regelmäßig vernetzt sie muslimische Frauen miteinander und setzt sich für den interreligiösen Dialog ein. Das Thema „Imaminnen“ spielt für Baghajati keine wichtige Rolle, denn aus ihrer Warte gäbe es brennendere frauenpolitische Angelegenheiten in Österreich als das gemeinsame Gebet von Männern und Frauen in einem Raum. „Muslimische Frauen sind es leid, immer zum Opfer gemacht zu werden“, so Baghajati, auch die aktuelle Debatte ginge in diese Richtung: Eine „Rettung“ der Opfer könne auch nur erfolgen, wenn die Frauen sich nach westlichem Vorbild veränderten und „emanzipierten“. „Die Deutungshoheit darüber, was Freiheit bedeutet und wo und wie das Leben für sie passt, muss aber bei der jeweiligen Frau selbst liegen.“

„Nikolaus – Karriere eines Superheiligen“ – Ein Film von Martin Papirowski

Tatsächlich gab es im 4. Jahrhundert in der kleinasiatischen Stadt Myra, heute Demre, einen Bischof namens Nikolaus. Über sein Leben ist kaum etwas bekannt, dafür ranken sich unzählige fromme Legenden um sein Wirken. So soll er bereits als Kleinkind so fromm gewesen sein, dass er freiwillig zwei Tage pro Woche auf die Muttermilch verzichtete und fastete. Als Erwachsener soll sich der Bischof durch seine Mildtätigkeit ausgezeichnet haben. Legendär ist die Geschichte von den drei heiratsfähigen Töchtern, denen er anonym die für die Hochzeit nötige Mitgift geschenkt haben soll. Das trug wesentlich zu seinem Ruf als Beschützer und Wohltäter der Kinder bei.

Weil über das Leben des Bischofs von Myra so wenig bekannt ist, hat ein byzantinischer Geschichtenschreiber namens Symeon Metaphrastes im 10. Jahrhundert eine Biografie verfasst, eine Hagiografie, auf Deutsch: eine Heiligenlegende, die die Lebensdaten verschiedener Personen miteinander kombiniert.

In der Zeit der frühen Christen wird Nikolaus auch zum Schutzpatron der Seefahrer, weil er ein Schiff vor der lykischen Küste auf wunderbare Weise aus Seenot gerettet haben soll. Mit niederländischen Handelsschiffen ist der Schutzheilige wohl auch in die Neue Welt gekommen – und stieg in Amerika zu ungeahnter Popularität auf. Als Sinterklaas tröstet er die meist bittere Not leidenden Einwanderer aus der Alten Welt und bringt ein wenig Wärme in ihr karges Dasein. Als Gabenbringer für die Soldaten tritt er im amerikanischen Bürgerkrieg in Erscheinung.

Zu Weltruhm schafft er es, als eine braune Limonade einen Werbeträger sucht. Als pausbäckiger Mann in Rot mit schwarzen Stiefeln ist er – am Ende seiner Metamorphose vom Bischof Nikolaus zum Weihnachtsmann – ein Symbol für Weihnachten auf amerikanische Art geworden.

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