TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Kleine Intrigen, große Träume", von Mario Zenhäusern, Ausgabe vom 26. November 2

Es geht nicht darum, Kern einen Strick aus seiner Zusatz-Gage zu drehen. Diese Form der Versorgung hat bei uns Tradition.

Innsbruck (OTS) - Das Aufdecken der Affären um Kerns Gagen-Auffettung und Grünbergs Gratisauto nährt wieder einmal die Hoffnung auf einen Paradigmenwechsel in der Politik.

Das sei alles bloß „eine kleine Intrige, eine österreichische, die wunderbare Resonanz in österreichischen Medien findet“. Und man solle das „nicht überbewerten“. So reagierte Noch-Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) auf die von der Tiroler Tageszeitung aufgedeckte wundersame Gagenvermehrung des SPÖ-Chefs. Bekanntlich fettet die SPÖ Kerns Abgeordneten-Gehalt um gut 6100 Euro pro Monat auf. Somit verdient er künftig in etwa gleich viel wie der geschäftsführende SPÖ-Klubobmann Andreas Schieder, der auf nicht ganz 15.000 Euro brutto pro Monat kommt.
Nun ist das im Vergleich zu einem österreichischen Durchschnittseinkommen enorm viel, aber immer noch deutlich weniger als sein Bundeskanzler-Gehalt und um ein Vielfaches weniger, als er als ÖBB-Chef einstreifen durfte. Aber Kern ging bei seinem Wechsel von den Bundesbahnen zur SPÖ bewusst das Risiko ein, am Ende möglicherweise den Platz am Ballhausplatz räumen und auf die Top-Kanzler-Gage verzichten zu müssen.
Es geht gar nicht darum, dem SPÖ-Chef aus seiner Zusatz-Gage einen Strick zu drehen. Diese Form der „Versorgung“ hat Tradition. Nicht nur in der SPÖ, sondern auch in anderen Parteien. Beispiele dafür gibt es genug. Nein, der Fall zeigt ebenso wie das Gratisauto von Kira Grünberg (ÖVP) – der man zumindest politische Unerfahrenheit und ihre rasche Reaktion zugutehalten kann –, dass immer weniger Menschen bereit sind, solche Sonderkonditionen einfach abzunicken, sondern im Gegenteil mithelfen, sie öffentlich zu machen. So gesehen haben kleine Intrigen auch ihr Gutes. Möglicherweise steht die Aufdeckung der Affären aber auch am Beginn einer politischen Ära, in der Anstand, Respekt und Transparenz wieder eine Rolle spielen. Davon träumen darf man ja, oder?

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