Tiroler Tageszeitung "Leitartikel" vom 18.11.17 von Mario Zenhäusern "Politisches Ost-West-Gefälle"

Innsbruck (OTS) - Die Turbulenzen bei den Grünen im Bund haben auch Auswirkungen auf die Tiroler Landespartei. SPÖ und ÖVP brauchen das schlechte Beispiel von Wien nicht: Hier ist man in Tirol selbst in der Lage, sich das Leben schwer zu machen.

Die Nationalratswahlen haben die heimische Parteienlandschaft ärger durcheinandergewirbelt, als anfangs zu erwarten war. Am ärgsten betroffen sind die Grünen. Die Partei steht vor einem riesigen Schuldenberg, den sie ohne Einnahmen nur schwer abzubauen in der Lage sein wird. Auch auf Landesebene und vor allem in der Stadt Innsbruck macht sich die Öko-Partei das Leben schwer. Interne Querelen haben den chancenreichen Bürgermeisterkandidaten Georg Willi binnen weniger Tage zum krassen Außenseiter degradiert. Gleichzeitig sorgt Ingrid Felipe u. a. mit ihrem Festhalten an zusätzlichen Natura-2000-Ausweisungen auch nicht gerade dafür, dass ihr und ihrer Partei die Herzen der Tiroler zufliegen.
Die Sozialdemokraten sind immer noch dabei, sich mit der ungewohnten Rolle auf der Oppositionsbank anzufreunden. Als wäre das nicht schon schwierig genug, liefern sich die Genossen in Wien auch noch einen – offiziell vehement dementierten – Richtungsstreit, was die Person des neuen Bürgermeisters und Nachfolgers von Polit-Schwergewicht Michael Häupl anbelangt. Andreas Schieder gegen Michael Ludwig, das bedeutet vor allem ein Aufeinanderprallen zweier Ideologien: Schieder steht für den eher linken Flügel der SPÖ Wien, der eine Zusammenarbeit mit der FPÖ strikt ablehnt, Ludwig vertritt eine eher moderate Linie. „Anti-FPÖ“ sei ihm als Programm zu wenig, erklärte er einmal. Für die SPÖ geht es in Wien um alles. Verliert der neue Bürgermeister die Mehrheit in der Bundeshauptstadt, geht also der Bürgermeistersessel verloren, hätte das katastrophale Auswirkungen auf die Gesamtpartei. Für Tirols Sozialdemokraten hingegen kann es nach dem historisch schlechtesten Ergebnis 2013 eigentlich nur bergauf gehen. Das hätte auch für die Innsbrucker SPÖ gelten können. Aber die Parteigranden zogen es vor, sich das Leben durch die Kür einer sogar an der eigenen Basis umstrittenen Spitzenkandidatin selbst zu erschweren.
Die ÖVP und ihr wahrscheinlicher Koalitionspartner FPÖ dürften mit diesem politischen Ost-West-Gefälle zufrieden sein. Zumindest für die Tiroler ÖVP trifft das nicht zu. Anstatt mit einer durch das beste ÖVP-Länderergebnis gestärkten Brust in Wien darauf zu pochen, dass Tirol bei der anstehenden Postenvergabe keinesfalls leer auszugehen gedenke, liefert sich der VP-Wirtschaftsflügel einen unnötigen Hahnenkampf. Dieses kleinliche Gezeter kommt zur Unzeit. Es nützt nicht nur niemandem, sondern spielt im Gegenteil jenen in die Hände, die in der Tiroler ÖVP ohnedies nur einen kleinen, zerstrittenen Haufen sehen, dem auch künftig in Wien niemand eine stärkere Rolle zutraut.

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