TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Nein zu Olympia ist eine Chance", von Anita Heubacher

Ausgabe vom 18. Oktober 2017

Innsbruck (OTS) - Das Ergebnis der Olympia-Volksbefragung zeigt eine Kluft zwischen Politik und Wähler und einen tiefen Riss im Land. Die Belastungsgrenze ist für die Mehrheit der Tiroler erreicht, die Tourismusgesinnung teils nicht mehr existent.

Das Nein zu Olympischen Winterspielen birgt eine riesige Chance:
endlich eine Strategie für den Lebensraum Tirol auf den Tisch zu legen, die wahren Probleme anzugehen, anstatt die immerselben Werbeideen aus dem letzten Jahrtausend aus der Mottenkiste zu holen, sich auf den Wintersport zu konzentrieren und so zu tun, als zögen Metatrends wie der Klimawandel, die immer älter und genussorientierter werdende Gesellschaft, die Abwanderung aus dem ländlichen Raum, die Kluft zwischen Stadt und Land am heiligen Land Tirol vorbei.
Das Nein zu Olympia ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Das zeigt allein der Blick auf die eingefärbte Landkarte, wo in Tirol Nein gesagt wurde: hauptsächlich in der Inntalfurche und im Wipptal, entlang der bereits höchst belasteten Verkehrsachsen. Dort ist die Tourismusgesinnung seit Langem nicht mehr existent, mehr noch, in den Ballungszentren hat sich eine Abneigung gegen den Massentourismus festgesetzt. Die Tourismuskommunikation nach innen hat vollkommen versagt, wurde über weite Strecken für gar nicht nötig erachtet und in Selbstherrlichkeit ein Rekordergebnis nach dem anderen abgefeuert. Mit Ausnahme der Freizeit-Kartenverbünde hat es die Tourismuswirtschaft nicht geschafft, die Tiroler ins Boot zu holen. Dazu kommt, dass diejenigen, die den Tourismus in Tirol repräsentieren, für zusätzliche Polarisierung sorgen. Der mächtige Seilbahner und der ach so gastfreundliche Touristiker in der Lederhose. Wer glaubt, dass das noch dem Lebensgefühl und dem Lebensraum Tirol entspricht, wirbt folgerichtig für Olympia mit DJ Ötzi als Aushängeschild für das kulturelle Tirol.
Es ist höchst an der Zeit, die klugen Strategiepapiere aus der Schublade zu nehmen und sie umzusetzen. Ganzjahrestourismus, Arbeitszeitmodelle, mehr Klasse statt Masse, Schwerpunktsetzung in den Destinationen, damit nicht alle auf dasselbe Pferd und den eigenen Skilift setzen. Dafür ist jetzt Raum, auch weil Olympia nicht kommt.
Das Olympia-Nein zeigt auch, dass sich die Landespolitik in Ballungszentren und insbesondere die Innsbrucker Stadtpolitik vom Wähler entfernt haben. Anders ist nicht zu erklären, dass dessen Stimmungslage und Bedürfnisse verkannt wurden.
So wie ein Event nach dem anderen nicht übertüncht, dass es im Tourismus keine Lösungen für auf dem Tisch liegende Herausforderungen gibt, brennen den Tirolern offenbar andere Probleme unter den Nägeln als das olympische Feuer.

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