„kreuz und quer“ am 10. Oktober: „Bahai – Religion im Zeitgeist“ und „Eine fast unmögliche Freundschaft“

Wien (OTS) - Israel ist das Heilige Land der drei großen Offenbarungsreligionen: des Judentums, des Christentums und des Islam. Doch Israel ist auch das Heilige Land einer vierten, weitgehend unbekannten Weltreligion: der Bahai. In der Bucht von Haifa und auf dem Berg Karmel befindet sich das geistige und administrative Zentrum dieser jüngsten Weltreligion. Die Bahai glauben an einen Gott, haben ihre eigenen Heiligen Schriften und einen Religionsstifter mit dem Namen Baha’u’llah. Weltweit bekennen sich etwa sechs Millionen Menschen zu diesem Glauben, und sie alle anerkennen Baha’u’llah als den Gottesgesandten für das heutige Zeitalter. Sie sind davon überzeugt, dass der Bahai-Glaube den geistigen Kern aller bisherigen Religionen bestätigt und weiterführt, wie die Dokumentation von Pia Patricia Schweizer in „kreuz und quer“ – präsentiert von Doris Appel – am Dienstag, dem 10. Oktober 2017, um 22.35 Uhr in ORF 2 zeigt.

Treffen einander ein Rabbi, ein Pfarrer und ein Imam … Was wie der Beginn eines Witzes klingt, hat sich tatsächlich ereignet: „kreuz und quer“ hat die drei Herren aus Österreich ins Heilige Land begleitet, wo sie gemeinsam die bedeutendsten Pilgerorte ihrer Religionen aufgesucht und über Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer Religionen gesprochen haben: Rabbi Schlomo Hofmeister, Pfarrer Ferenc Simon und Imam Ramazan Demir. Mit ihrer Reise unternehmen die drei – gemeinsam mit Studierenden – einen scheinbar unmöglichen Versuch. Denn in der öffentlichen Wahrnehmung stehen einander die drei Religionen distanziert gegenüber. Zudem bedeutet die Befolgung der Regeln der jeweiligen Religion auch sich abzugrenzen: Männer von Frauen, Muslime von Juden, Juden von Christen. Es bedeutet unterschiedliche Zeiten einzuhalten, in denen man betet, fastet, arbeitet, keiner Arbeit nachgehen soll. Es bedeutet, bestimmte Orte nicht aufsuchen zu dürfen. Es bedeutet, dass Gemeinsamkeit oft nicht möglich ist. Dass dennoch nicht nur ein Nebeneinander, sondern ein Miteinander und sogar Freundschaft über Religionsgrenzen hinweg möglich ist, dokumentiert um 23.05 Uhr Peter Beringers Film „Eine fast unmögliche Freundschaft“.

„Bahai – Religion im Zeitgeist“ – Ein Film von Pia Patricia Schweizer

Die „Hängenden“ oder die „Persischen Gärten“ der Bahai sind eine perfekte Komposition aus Architektur und Natur. Die 19 Terrassen auf dem Berg Karmel wurden gemeinsam mit dem Mausoleum des Bab 2008 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Seit der Eröffnung der Terrassen im Jahr 2001 wurden sie von mehreren Millionen Menschen besucht; an manchen Tagen kommen bis zu 3.000 Besucher/innen. Die 1953 erbaute goldene Kuppel des Mausoleums, die von den Bahai „Königin des Karmel“ genannt wird, ist das Wahrzeichen der Stadt Haifa.

Die junge Tirolerin Marina Penz ist Bahai und hat sich entschieden, ein „Freiwilliges Soziales Jahr“ im Bahai-Weltzentrum zu machen. Die Bahai nennen diese Zeit „Jahr des Dienstes“. Sie sagt, hier habe sich für sie ein Tor zu einem neuem Verständnis ihres Glaubens geöffnet, vor allem durch die Nähe zu den heiligen Bahai-Stätten. Die Deutsche Martha Otto begleitet Bahai-Pilgergruppen und bringt ihnen die Geschichte ihres Glaubens nahe. In der ORF-Dokumentation begibt sich „kreuz und quer“ mit Martha Otto und Marina Penz auf eine Reise zu den Bahai-Pilgerstätten. Sie erzählen über die Glaubensinhalte dieser Weltreligion, die ihr Stifter Baha’u’llah, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, im 19. Jahrhundert in Persien verkündete. Als Experte kommt Johann Figl zu Wort – er ist emeritierter Professor für Religionswissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Sein Forschungsschwerpunkt sind Neue Religionen: „Die Bahai-Religion ist eine Offenbarungsreligion, sie geht auf Baha’u’llah zurück, der die Botschaft für unser Zeitalter gebracht hat, und es ist eine universale Botschaft, an die ganze Menschheit gerichtet ... Hinzu kommt, dass sie zugleich zentrale Bedürfnisse des modernen Menschen anspricht, nämlich den Gedanken der Einheit der Welt, den Gedanken, an dieser Einheit mitzuwirken.“

Bis heute werden Bahai im Land ihrer Entstehung, im Iran, verfolgt. Sie sind die größte religiöse Minderheit, genießen aber keinerlei Schutz wie Juden oder Christen. Robert Weinberg, Sprecher der Internationalen Bahai-Gemeinde in Haifa: „Warum werden ihre Kinder in Schulen tyrannisiert? Warum werden ihre heiligen Stätten und Friedhöfe zerstört? Zweifelsohne werden die Bahai im Iran nur wegen ihrer Religion verfolgt. 1991 wurde im Iran ein Dokument abgefasst, das drei Jahre später von den Vereinten Nationen veröffentlicht wurde. Es besagt, dass die Regierung darauf abzielt, die Bahai-Gemeinde zu vernichten und sie zu hindern, in der Gesellschaft voranzukommen. Weiters ist es den Bahai nicht erlaubt, eine höhere Bildung zu erhalten; wird ein Student als Bahai identifiziert, so muss er die Universität verlassen.“

Haleh Arbab, Vertreterin der Internationalen Bahai-Gemeinde in Haifa:
„Bei unserer Religion geht es hauptsächlich um die geistige Wandlung des Einzelnen und auch um die gesellschaftliche Neugestaltung – es ist eine Religion, für die beides wichtig ist … Wir als Bahai entwickeln uns zu geistigen Menschen, indem wir die Heiligen Schriften lesen, meditieren, an uns selbst arbeiten, aber auch, indem wir für die Gesellschaft tätig sind – und das vor allem durch den Dienst an Anderen.“ In mehr als 900 großangelegten, nachhaltigen sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungsprojekten in aller Welt, darunter auch 600 Schulen, soll das umgesetzt werden. Die Bahai sind davon überzeugt, in ihrer Religion den Kern und die Sehnsucht aller Religionen vereint zu haben. Sie verstehen sich als Fortsetzung der bereits vorhandenen Religionen. Vielleicht auch als deren Erfüllung. Und sie glauben, dass die göttliche Offenbarung weitergehen wird. Die „eine Wahrheit“ gibt es für sie nicht. Die Aufgabe des Menschen sei es, weiter zu lernen und sich verantwortlich für die Zukunft der Menschheit einzusetzen.

„Eine fast unmögliche Freundschaft“ – Ein Film von Peter Beringer

Zu Route der Reisegruppe gehören die wichtigsten Heiligtümer der drei abrahamitischen Religionen: West- oder Klagemauer und Davidsgrab, Grabeskirche und Tempelberg mit der Al-Aqsa-Moschee und dem Felsendom; Betlehem, Geburtsort Jesu, und Hebron, Begräbnisort des Patriarchen Abraham, auf den sich alle drei Religionen berufen. Der Ölberg, wo nach Überzeugung aller entweder am Ende der Zeiten der Messias erscheinen soll – oder schon erschienen ist. Sie gelangen nach Abu Gosch, ein arabisches Dorf in Israel, in dem Araber und Juden weitgehend ohne Probleme zusammenkommen und sich die Benediktinermönche des dort ansässigen Klosters in dieses Miteinander einbringen, und Masada am Toten Meer, Ort eines verzweifelten Kampfes der Juden gegen die römischen Besatzer um 70 nach Christus.

Gemeinsam besuchen Rabbi, Pfarrer und Imam die Heilige Stadt und die heiligen Stätten der unterschiedlichen Religionen, sie zeigen sich gemeinsam in der Öffentlichkeit, diskutieren untereinander und mit Fremden über religiöses Leben und religiöse Praxis, und sie leben auch die Unterschiede. Dass dennoch das Gemeinsame im Vordergrund steht, ist keineswegs selbstverständlich, sondern sehr brisant – vor allem vor dem Hintergrund des politischen Nahostkonflikts, der auch das Friedenspotential der drei Religionen herausfordert.

Wie sich auf der Reise zeigt: Diese Grenzen des Dialogs sind zugleich Anhaltspunkte, hier kann man einhaken, fragen, hinterfragen, einander kennenlernen und besser verstehen. Jeder hat eine ganz eigene Version der menschlichen Geschichte und der Geschichte der eigenen Religion – und der Religion des anderen. Das kann trennen, den Blick auf die Sicht des Nächsten verdecken. Doch indem man es gegenseitig erklärt, eröffnet sich auch eine Möglichkeit, trotz der Unterschiede zusammenzuleben – auch in Europa.

Christentum, Islam, Judentum: Die gegenseitigen Begegnungen waren über Jahrhunderte oft von Verdächtigungen und Distanz, Feindschaft und Unterdrückung der jeweils Andersgläubigen und sogar von Krieg geprägt. In vielen Weltgegenden ist das Zusammenleben bis heute mehr als schwierig; Feindschaft und selbst Vertreibungen haben in den vergangenen Jahrzehnten wieder an Brisanz zugenommen. Religion wird für politische Zwecke instrumentalisiert. Zugleich ist Religion in Gefahr, politische Macht für sich zu nützen. Dass es den drei großen monotheistischen Religionen dennoch möglich ist, sich zu verständigen, die Gemeinsamkeiten hervorzuheben und zu einem produktiven Zusammenleben zu kommen, das wollten der Wiener Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister, der katholische Pfarrer Ferenc Simon und der Imam und islamische Gefängnisseelsorger Ramazan Demir, alle drei aus Wien, beweisen – durch ihre gemeinsame Reise ins Heilige Land. Ein Film über das nicht immer leichte, aber mögliche Miteinander von Juden, Christen und Muslimen.

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