Kurt-Rothschild-Preis - Hauptpreisträger Marcel Fratzscher über "Ungleichheit und Freiheit in Zeiten des Populismus"

"Die Gesellschaft zahlt einen hohen Preis für Ungleichheit"

Wien (OTS/SK) - Das Karl-Renner-Institut und der SPÖ-Parlamentsklub haben am Mittwochabend den Kurt-Rothschild-Preis für Wirtschaftspublizistik vergeben. Der diesjährige Hauptpreisträger ist Marcel Fratzscher, der den Preis für seine vielbeachteten Beiträge zu Verteilungsfragen erhält. Fratzscher ist seit 2013 Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professor für Makroökonomie und Finanzen an der Humboldt-Universität Berlin. In seiner Rede hat er sich mit "Ungleichheit und Freiheit in Zeiten des Populismus" beschäftigt, er warnte vor den "drei P -Populismus, Protektionismus und Paralyse" und sieht als wirksamstes Mittel gegen Ungleichheit, dass man alles unternimmt, um Chancengleichheit herzustellen. ****

Fratzscher knüpfte seine Rede an ein ganz aktuelles politisches Thema an, die Bundestagswahl in Deutschland. Die beinahe 13 Prozent für die AfD seien von vielen "als Schock wahrgenommen worden"; das sei "eine Partei, die sehr fremdenfeindlich, populistisch und rechtsextrem ist". Der Ökonom sieht Deutschland mit dieser Entwicklung keineswegs allein dastehen. Er verwies auf die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten, den "Brexit" Großbritanniens, die elf Millionen Stimmen für Marine Le Pen bei der französischen Präsidentenwahl. "Es ist etwas, was die westliche Welt im Griff hat."

Das große Risiko der kommenden Jahre sieht er in den "drei P -Populismus, Protektionismus und Paralyse". "Dabei ist Populismus ja eine Antihaltung, das ist ja nicht etwas für das Volk, sondern gegen das Volk; das ist, Menschen gegeneinander aufwiegeln, gegen den Euro, gegen die EU, gegen alles, was nicht national ist." Genauso wenig kann Fratzscher der Abschottung etwas abgewinnen. Schließlich leben wir in einer so interdependenten Welt, dass man keine der großen Herausforderungen, weder wirtschaftliche noch den Klimaschutz, national bewältigen könne. Mit Paralyse meint Fratzscher die fehlende Bereitschaft in die Zukunft zu investieren.

Aber woher rührt die Unzufriedenheit, wo es doch der Wirtschaft so gut geht? Ist die Kritik unberechtigt, quasi ein kulturelles Problem, das seine Ursachen nicht in der wirtschaftlichen Realität habe? Fratzscher hält nichts von dieser Erklärung. Die Lage sei vielschichtiger. So sagen viele Deutsche, dass es ihnen persönlich wirtschaftlich gut geht. Zugleich sagen aber auch 70 Prozent der Deutschen, sie finden die soziale Ungleichheit nicht gut. Und:
Deutschland hat eine starke soziale Absicherung. Zugleich ist die soziale Ungleichheit trotzdem sehr groß.

Deutschland und Österreich seien die beiden Länder der EU mit der größten Ungleichheit bei den Vermögen. In Deutschland sind 40 Prozent der Bevölkerung ohne jedes Nettovermögen. Gleichzeitig gibt es eine enorme Vermögenskonzentration bei den obersten ein Prozent. Bei dieser Gegenüberstellung müsse man freilich genauer hinsehen, sagt der Ökonom. Denn es komme eben darauf an, wie Vermögen eingesetzt sind. Vermögen, das produktiv genutzt werde, sei natürlich gut.

Aber sollte das Steuersystem, wie das in Deutschland und Österreich der Fall ist, die Vermögen auch noch begünstigen? Fratzscher gibt darauf keine moralisch wertende, sondern eine wirtschaftswissenschaftliche Antwort: Nein, weil es nicht effizient ist; klug wäre, Arbeit eher zu entlasten und passives Vermögen mehr beitragen zu lassen.

Die steigende Ungleichheit bei den Einkommen können nur zu einem sehr geringen Teil mit der Globalisierung erklärt werden, so Fratzscher weiter. Wesentlich stärkeren Einfluss rechnet er der Tatsache zu, dass die, die in Deutschlang atypisch, prekär, Teilzeit oder im Niedriglohnsektor arbeiten, "auf sich alleine gestellt sind"; sie haben keine Gewerkschaft, die ihre Tarife verhandelt. Aber der wichtigste Grund für die zunehmende wirtschaftliche Polarisierung bei den Einkommen liegt für Fratzscher darin, dass die soziale Mobilität in den letzten Jahrzehnten abgenommen hat.

Wer in eine arme Familie geboren wird, hat es in Deutschland schwerer als in den meisten anderen Ländern, aufzusteigen. Deutschland investiere viel zu wenig in frühkindliche Bildung – dabei seien die ersten sechs Jahre entscheidend. Ein Euro für die frühe Förderung von Kindern rentiert sich zwei- bis dreimal so stark wie ein Euro für die Unis, erläuterte Fratzscher.

Noch ein Ungleichheitsphänomen, das Deutschland mit Österreich teilt, ist der Gender-Pay-Gap, also dass Frauen für die gleiche Arbeit nicht gleich viel Lohn bekommen. Dabei sprechen die statistischen Tatsachen sehr für die Frauen; sie haben, wie Fratzscher ausführte, im Durchschnitt die bessere Ausbildung, höhere Bildungsabschlüsse, bessere Noten, sind schneller mit ihrem Studium fertig – doch sobald sie am Arbeitsmarkt ankommen, entsteht der Gender-Pay-Gap. "Und das liegt nicht daran, dass Frauen unbedingt Teilzeit arbeiten wollen."

Ein weiteres Zeichen dafür, dass die Ungleichheit in Deutschland zugenommen hat, ist die Armutsquote; die ist trotz Wirtschaftsboom stark gestiegen. Besonders betroffen von Armut sind alleinerziehende Mütter, jede vierte von ihnen ist armutsgefährdet oder akut arm, und 20 Prozent aller Kinder in Deutschland.

Fratzscher: "Es ist im Interesse aller, dass Chancengleichheit hergestellt wird". Denn "die Gesellschaft zahlt einen hohen Preis dafür, dass man die Ressourcen brachliegen lässt. Zu vielen Menschen werden zu viele Hürden in den Weg gelegt, ihr Potential wirklich zu nutzen." Fratzscher meint, die Frage, ob mehr Ungleichheit automatisch zu weniger Wachstum führt, sei nicht eindeutig zu bejahen; "aber bei Ungleichheit verbunden mit Chancenungleichheit eindeutig ja".

Was ist also zu tun? Ungleichheit ist ein Problem, sagt Fratzscher, dass man keinesfalls hinnehmen könne, andererseits sei es auch nicht mit einfachen steuerlichen Rezepten zu bewältigen. "Wir werden das Problem mit mehr Chancengleichheit lösen müssen", sagte Fratzscher. Das heiße, die Menschen dabei unterstützen, dass sie ihr Leben selbst gestalten können. Es brauche eine Offensive für Zukunftsinvestitionen, zielgenaue Förderung für Kinder, eine Steuerpolitik, die für fairen Wettbewerb sorgt und eine inklusivere Arbeitsmarktpolitik, die mehr Menschen die Chance gibt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. (Schluss) ew/wf/mp

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