Kinder- und Jugendanwältin warnt vor amerikanischer Klagskultur!

Aktuelle Rechtssprechung birgt Gefahr, dass Kinder zu Verlierern werden!

Graz (OTS) - Die UN-Kinderrechtskonvention, deren 25jähriges Ratifizierungsjubiläum wir erst vor einigen Tagen feiern durften, versteht sich als weltumspannende kinderrechtliche Grundrechtscharta und ist mittlerweile von fast allen Ländern der Erde anerkannt worden. Sie besteht aus 3 wesentlichen Säulen: neben den Säulen“ Schutz“ und „Fürsorge“ sind wir in Österreich kinderechtlich in der glücklichen Lage, dass gerade die 3. Säule „Partizipation“ immer mehr an Bedeutung gewinnt. Die bestmögliche Entwicklung des Kindes ist darüber hinaus ein kinderspezifisches Grundrecht in Österreich (Art 1 BVG über die Rechte von Kindern).

Nunmehr entsteht jedoch auf Grund der jüngsten Rechtssprechung eine große Gefahr eines eklatanten Rückschrittes bei der Umsetzung eben dieses Grundrechtes.

Dem Aspekt der Partizipation wird als Grundrecht im Sinne des Art 4 BVG über die Rechte von Kindern Rechnung getragen. Demnach sind Kinder je nach Alter und Entwicklung zu fördern, zu unterstützen und zu schützen. Konkret bedeutet dies, dass eine Abwägung entsprechend der Veranlagung, Begabung und aktuellen Entwicklung des Kindes und dessen Schutzbedürfnis zu erfolgen hat. Ein auf das einzelne Kind abgestimmter Entwicklungsfreiraum unter der Anleitung von PädagogInnen ist dabei unabdingbar. Je mehr einem Kind zugetraut wird und je autonomer es agieren kann, umso selbstbewusster, selbstsicherer und selbständiger kann es sich entwickeln.

Kinderbetreuungseinrichtungen sind dabei ein wesentlicher Garant um allen Kindern die gleichen Bildungschancen zu geben.

Kinder lassen sich von Geburt an ganz auf ihr Umfeld ein und entwickeln Strategien, um dieses - auf ihre individuelle Art und Weise – zu entdecken, und zu erobern. Über Bewegung bekommen Kinder Vorstellungen über ihre körperlichen Stärken und individuellen Grenzen und gelangen so zu einer realistischen Selbsteinschätzung. Daher ist es umso wichtiger, dass Kinder ermutigt und unterstützt werden ihre Verantwortung altersadäquat wahrzunehmen.

Dafür benötigen sie Menschen, die ihnen bei ihren Eroberungen zur Seite stehen und ihnen Mut zusprechen, sich neuen Herausforderungen zu stellen und diese zu bewältigen – immer unter dem Aspekt der Wahrung des Kindeswohls, welches als leitende Maxime bei allen Handlungen, die Kinder betreffen, gilt. PädagogInnen übernehmen in diesem Kontext eine große Verantwortung in der täglichen Bildungsarbeit mit den Kindern. Die Einbeziehung von Kindern, mit Fokus auf individuelle Stärken und Lernfelder, spielt ebenfalls eine wesentliche Rolle. Gerade im Hinblick darauf, dass Kindern Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten geboten werden müssen, ist es aber unmöglich sämtliche Gefahrenquellen zur Gänze auszuschließen und alle Unfälle zu vermeiden. Gerade in Kinderbetreuungseinrichtungen wird hinsichtlich der Aufsichtspflicht ohnehin ein erhöhter Sorgfaltsmaßstab angelegt. 

Wie bereits von einigen Professionisten ins Treffen geführt, geraten auch wir in Österreich bedauerlicherweise in Gefahr, im Fahrwasser der amerikanischen Klagskultur zu enden. Hier nunmehr durch die aktuelle Rechtssprechung ein Signal zu setzen, durch welches die Bewegungs- und Entwicklungsfreiheit und damit das gesetzlich verbriefte Recht auf Bildung von tausenden von Kindern auf Grund eines bedauerlichen Vorfalls  eingeschränkt wird, sieht die Kinder- und Jugendanwaltschaft als extrem bedenklich und kontraproduktiv.

Aus Erfahrung ist zu befürchten, dass dies in der Praxis zu einem von Furcht und Unsicherheit geprägtem Vermeidungsverhalten seitens des Betreuungspersonals führen wird. Dieses Verhalten wiederum überträgt sich in weiterer Folge mitunter auch auf die Eltern und auch auf die Kinder. Dabei ist es gerade in der heutigen Zeit wesentlich, die oftmalige Verunsicherung in der Lebenswelt von Kindern und im Umgang mit ihnen zu durchbrechen und wieder zu lernen, sich auf die individuellen Signale von Kindern einzulassen!

Gerade überall wo es um die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen geht, darf es nicht um Recht haben oder Recht bekommen gehen, denn als Verlierer dabei bleiben immer die Kinder und Jugendlichen zurück!

Rückfragen & Kontakt:

Kinder- und Jugendanwaltschaft Steiermark
Mag.a iur. Denise Schiffrer-Barac
Kinder- und Jugendanwältin des Landes Steiermark

Kinder- und Jugendrechtetelefon: 0316/877-4921
denise.schiffrer-barac@stmk.gv.at
www.kija-steiermark.at

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