TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 9. September 2017 von Alois Vahrner - Mauern, TV-Overkill und offenes Ende

Innsbruck (OTS) - Der skurrile Streit um Bau und Stopp der Anti-Terror-Mauer in Wien zeigt: Der Wahlkampf wird tagtäglich hitziger. Der TV-Duell-Marathon wird für Politiker und Zuschauer mühsam, nach der Wahl wird es extrem schwierig.

Wahlkampf ist, und da will niemand mehr mit dem jetzt eilig gestoppten Bau der Anti-Terror-Mauer und Poller im Wiener Regierungsviertel zu tun haben. Weder das rote Bundeskanzleramt, dessen Beamte den Auftrag unterfertigt haben (Kanzler Kern brachte während der Sommerhitze den Bauarbeitern video-werbetauglich höchstpersönlich Wasser vorbei), noch das schwarze Innenministerium, das den Bau ebenfalls maßgeblich veranlasst hat. Ob die Schutzmaßnahmen nicht etwa doch sinnvoll wären, wird in der Hitze des Wahlkampfgefechts (laut FPÖ-Chef ein „Bonzen-Mauerbau“) ausgeblendet. Der kritisierte „Schildbürgerstreich“ ist es spätestens dann, wenn die Steuerzahler trotz des Baustopps vertragsgemäß doch die gesamte Bausumme zahlen müssen.
Fünf Wochen sind es noch bis zur Wahl am 15. Oktober, und überall liegen die Nerven blank. Die kleineren Parteien rudern, um im Dreikampf der Großen nicht überrollt zu werden. In den Umfragen führt weiterhin Sebastian Kurz mit der ÖVP vor SPÖ und FPÖ, entschieden ist die Wahl auch wegen der hohen Zahl an Unentschlossenen aber keineswegs. Inwieweit der bevorstehende Marathon an TV-Diskussionen und Duellen (neben diversen Einzel-Interviews gleich 20 Zweierduelle, die sich wie eine Sportliga-Auslosung mit Hin- und Rückspiel lesen, dazu gleich drei Elefantenrunden in ORF, ATV und Puls4) noch Umbrüche bringt, ist abzuwarten. Absehbar ist die Gefahr, dass dieser Overkill für die Zuschauer noch mühsamer ist als für die sich notgedrungen ständig wiederholenden und nach populistischen Effekten heischenden Politiker.
Die neben den echten Kanzlerduellen (in Deutschland gab es nur eines!) mit Abstand spannendste Diskussion geht nächsten Freitag in Linz in Szene (tt.com und ORF III übertragen). Da steigt auf Einladung der Bundesländer-Zeitungen der einzige Dreikampf Kern-Kurz-Strache. Es ist davon auszugehen, dass nach der Wahl maximal zwei der drei Kontrahenten im Ring bleiben werden. Kern wird wohl ebenso wenig den Oppositionsführer oder Vizekanzler spielen wie Kurz, Letzteres wäre auch bei Strache fraglich. Für Kern und Kurz heißt es: Kanzler oder nichts. Entweder mit der FPÖ (wobei sich Kurz abseits der zu erwartenden internationalen Kritikwelle leichter tun würde als die SPÖ mit ihrem unvollendeten Salto rückwärts namens Kriterienkatalog) oder doch Neuauflage von Rot und Schwarz oder umgekehrt. Eine nach unsäglichem Streit vorzeitig ausgerufene Neuwahl für nichts: Denn die Vorstellung, dass der Wahlverlierer (sei es nun die SPÖ oder die ÖVP) unter anderer Führung danach handzahmer agieren würde, gehört ins Reich der Utopie.

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