Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 6. September 2017; Leitartikel von Michael Sprenger: "Schüssels Taktik und Kerns Gewissheit"

Innsbruck (OTS) - Christian Kerns Ansage, entweder Erster und Kanzlerpartei oder Opposition, soll in erster Linie als Motivationsschub dienen. Doch anders als einst bei Wolfgang Schüssel gibt es hinter dieser Ansage keinen ausgeklügelten Plan.

Kann am Anfang einer Taktik eine Lüge stehen? Ja, selbst wenn man einst nicht gewusst hatte, zu lügen. Wolfgang Schüssel jedenfalls sagte 1999, er werde in die Opposition gehen, sollte seine Partei Dritter werden. Die ÖVP lag damals in den Umfragen klar hinter der FPÖ. Mit seiner Ansage sorgte er für einen Aufholprozess. Doch der zweite Platz ging sich knapp nicht aus. Schüssels Taktik war aber mehr als bloßer Motivationsschub. Er wollte ins Kanzleramt. Ihm war klar, dass er hierfür die FPÖ braucht. Schüssels Taktik ging auf. Für seine Gegner bleibt bis heute die Tatsache bestehen, dass eine Lüge am Beginn seiner Kanzlerschaft stand. Seinen Anhängern war es egal. Sie adelten Schüssel zum Strategen.
Nimmt nun also Christian Kern Anleihe bei Schüssel? Ja, wenn es um den Motivationsschub geht. Die Ansage, entweder die SPÖ wird Erster und bleibt Kanzlerpartei oder die Roten gehen in Opposition, zielt in der Innenwirkung auf die Funktionäre ab. Eindeutiger kann er nicht zum Ausdruck bringen, dass für die SPÖ der Hut brennt. Die Ansage hat zudem eine klare Außenwirkung für die Wählerschaft. Nur die SPÖ kann noch Schwarz-Blau verhindern. Nicht bloß für eingefleischte Rote ist Schwarz-Blau seit Schüssel ein Synonym für Korruption und Sozialabbau.
Trotzdem macht Kern nicht den Schüssel. Denn anders als der spätere ÖVP-Kanzler verfolgt Kern keinen zu Ende gedachten Plan. Obwohl die SPÖ die Tür zur FPÖ einen Spalt weit aufgemacht hat, trennen SPÖ und FPÖ noch „Lichtjahre“.
Doch Kern weiß: Nur wenn die SPÖ den ersten Platz verteidigt, erhält sie überhaupt die Möglichkeit, in Verhandlungen eine Chance aufs Kanzleramt zu bekommen. Die SPÖ kann von der ÖVP nicht mehr so vorgeführt werden wie zuletzt. Zudem kann Kern hoffen, dass entweder Sebastian Kurz enttäuscht das Handtuch wirft – und/oder es in der FPÖ zu einem Wechsel kommt. In beiden Fällen kann er daraus einen Vorteil im Koalitionspoker ablesen. Sollte es doch Schwarz-Blau geben, kann er wenigstens erhobenen Hauptes auf der Oppositionsbank Platz nehmen. Wenn er jedoch die Wahl verliert, die ÖVP den Kanzler stellt, auch das weiß Kern, wird es für ihn und in der SPÖ richtig ungemütlich. Dafür sorgen schon die Faymann-Jünger und der Müntefering-Epigone Niessl („Opposition ist Mist“). Hinter des Kanzlers Ansage steht – wenn auch kein Plan – dann doch Gewissheit. Entweder wir schaffen es oder uns drohen harte Oppositionsjahre. Das ist nicht einmal eine Lüge.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001