Aufruf an alle österreichischen Journalistinnen und Journalisten

Solidarität mit türkischen Kolleginnen und Kollegen wird immer wichtiger

Wien (OTS) - Der Präsident des Österreichischen Journalisten Clubs (ÖJC), Fred Turnheim, ruft alle Kolleginnen und Kollegen zur Solidarität mit den in der Türkei inhaftierten Journalistinnen und Journalisten auf. Heute begann der politisch motivierte Prozess gegen 19 Mitarbeiter der regierungskritischen türkischen Zeitung "Cumhuriyet". Und, seit mehr als 150 Tagen sitzt der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel ohne Anklage in Untersuchungshaft. Seine Frau Dilek Mayatürk schreibt Ihrem Ehemann regelmäßig Briefe und ersucht auch, dass alle Journalistinnen und Journalisten in Europa dies tun.

Der Aufruf von Frau Dilek Mayatürk hat folgenden Wortlaut:

„Immer noch gibt es keine Anklageschrift. Die Akte Deniz ist aus dem Verfahren ausgelagert worden, in dem er ursprünglich mit anderen inhaftierten Journalisten angeklagt war, und er bekommt jetzt ein eigenes Verfahren. Unterdessen sitzt er weiter in Einzelhaft. Die einzige Änderung seiner Haftbedingungen in den vergangenen 150 Tagen war, dass er ein paar Briefe bekommt. Er bekam immer türkische Briefe von meiner Mutter, und seit einiger Zeit werden ihm auch meine türkischen Briefe ausgehändigt.

Die Briefkontrollkommission weigert sich, ihm die Postkarten auszuhändigen, die von euch unermüdlich an ihn geschickt werden, und begründet das damit, dass sie 'in einer Fremdsprache abgefasst' seien. Mir fällt nichts anderes mehr ein, als dass wir jetzt alle zusammen türkische Briefe schicken sollten. Oder fällt euch etwas Besseres ein? Ihr habt sicher in eurer Umgebung türkische Freund*innen, Nachbar*innen, Kolleg*innen.

Diese lieben Briefe werden ihn zum Lächeln bringen.

Oder schaut halt ins Wörterbuch. Im schlimmsten Fall fragt Google (ist die Technologie nicht für harte Zeiten entwickelt worden?), schreibt falsche Sätze, vertut euch, alles kein Problem. Macht euch keine Sorgen: Mein Deutsch ist auch nicht so toll. In jedem Fall werden diese lieben, wertvollen Briefe Deniz – wenn er sie denn ausgehändigt bekommt – zum Lächeln bringen.

Deniz bekommt jeden Tag sechs Zeitungen. Er hat einen Fernseher. Er kann die Nachrichten verfolgen. Er weiß also, was in der Außenwelt passiert. Ich bitte euch, in euren Briefen vom Alltagsleben zu berichten. Schreibt Deniz so schöne Briefe, dass er beim Lesen das Gefühl bekommt, er röche den Duft einer Blume. Tatsächlich könnt ihr auch versuchen, kleine Blumen auf die Briefe zu kleben. Zumindest manchmal. Ich klebe zum Beispiel Petersilie drauf, weil die breitblättrige Petersilie die Blume unserer Liebe ist. Nicht lachen.

Schreibt eure Briefe auf buntem Papier und verschickt sie bitte in bunten Kuverts. Ich weiß, ich verlange sehr viel. Aber im Gefängnis ist alles grau.

Er soll sich so fühlen, als laufe er barfuß über die Erde, wenn er eure Briefe liest, als berühre er Baumrinde. Schreibt Deniz frische, poetische Briefe. Schreibt ihm Teile aus Büchern ab, die ihr mögt, erzählt ihm von historischen Orten, die von der UNESCO als Weltkulturerbe gelistet sind. Er mag solche Dinge, er interessiert sich für Geschichte und archäologische Stätten. Ihr könnt ihm auch schreiben, welches Obst und Gemüse der schädlichen Wirkung von Tabakkonsum entgegenwirkt. Zum Beispiel. (Er soll nicht so viel rauchen. Zum Beispiel. Wenn ihr ihm das schreibt, sage ich nicht Nein.)

Vielleicht kommt es euch lächerlich vor, was ich hier schreibe, oder zumindest kindisch. Aber das alles sind so die „menschlichen“ kleinen Dinge, die ihr die ganze Zeit draußen, in Freiheit, macht, ohne darüber nachzudenken. Aber für einen Menschen, der in rechtloser Weise seiner Freiheit beraubt worden ist, werden diese kleinen Dinge zu einem großen Luxus.

Und man muss sich etwas ganz Banales in Erinnerung rufen, damit meine Appelle Sinn ergeben: Deniz ist in erster Linie ein Mensch. So wie jede*r Journalist*in. Und ein Mensch ist seit 150 Tagen in Einzelhaft, allein. Selbst bei den seltenen Besuchsterminen ohne Trennscheibe wird erwartet, dass ich mich nicht neben meinen Mann setze, sondern ihm gegenüber.

Wir müssen ihm die Freiheit in Worten schildern.

Wir dürfen nicht vergessen: Isolationshaft ist eine Menschenrechtsverletzung. Und langanhaltende Isolation wirkt sich negativ auf die Persönlichkeit aus. Von allen Institutionen und Vereinen, die „Menschenrechte“ auf ihre Fahnen geschrieben haben oder im Namen tragen, erwarte ich, ebenso wie von allen individuellen Menschenrechtsverteidiger*innen, darüber aufzuklären, wie Einzel- und Isolationshaft sich auf das Leben von Menschen auswirkt.

Während Deniz in rechtloser Weise seiner Freiheit beraubt bleibt, müssen wir ihm das Draußen, die Freiheit, den munter sprudelnden Quell des Lebens in Worten schildern.

Ich bitte euch, Deniz andauernd und ohne zu schwächeln zu schreiben. Denn steter Tropfen höhlt den Stein, es muss kein starker Strom sein. Bis Deniz frei ist, soll jeder Brief von euch ein Tropfen sein!

Ich danke euch von Herzen.“

ÖJC-Präsident Fred Turnheim bittet alle Journalistinnen und Journalisten unseres freien, demokratischen Landes mit Deniz Yücel eine solidarische Brieffreundschaft zu beginnen. Die Adresse lautet:

İlker Deniz Yücel,
9 Nolu Kapalı Ceza İnfaz Kurumu,
B Blok 54
Nolu Koğuş, Silivri/Türkei.

Die Journalisten der deutschen Tageszeitung „Die Welt“ und von N24 sind bereit, alle Briefe ins Türkische zu übersetzen. Die Mailadresse dieses Service lautet:

schreibdeniz@weltn24.de

Der ÖJC unterstützt auch die Kampagnen zur Freilassung aller in der Türkei inhaftierter Journalisten und Menschenrechtsexperten. So fordert die Journalistenorganisation auch die sofortige Freilassung von Frau Özlem Dalkiran und der anderen Menschenrechtsverteidiger, die zu Unrecht in der Türkei inhaftiert wurden. Das harte Vorgehen der Türkei gegen die Zivilgesellschaft und Menschenrechtsaktivisten widerspricht den Werten der Europäischen Union.

Die Kampagne können Sie hier online unterstützen:
https://www.avaaz.org/de/free_ozlem_loc/?fpla

„Sorgen wir gemeinsam für die Freilassung aller rund 160 inhaftierten Journalistinnen und Journalisten in der Türkei“, ruft Turnheim alle österreichischen JournalistInnen auf.

Rückfragen & Kontakt:

Österreichischer Journalisten Club
Margarete Turnheim
Generalsekretariat
+43 650 98 28 555
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