TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 20. Juli 2017 von Alex Gruber - Das irre Geschäft rund ums Leder

Innsbruck (OTS) - Im internationalen Fußball vergeht kein Tag, an dem nicht irrwitzige Summen auftauchen. Die Moral hält der kapitalistischen Weltwirtschaft auch am grünen Rasen nicht stand. Viel Vermögen wird hier auch richtig verjuxt.

Sie wünschen, wir spielen. Zumindest, wenn Geld kaum noch eine Rolle zu spielen scheint. Womit man im Weltfußball beispielsweise bei der englischen Premier League angekommen wäre. Dort, wo ein Aufsteiger wie Huddersfield in der laufenden Transferperiode bereits mehr Geld ausgegeben hat als der FC Barcelona. Der TV-Vertrag (3,7 Milliarden Euro für drei Jahre) hat den Faktor Geld auf der Insel beinahe außer Kraft gesetzt, selbst der „Durchschnittskicker“ darf sich mitsamt seinem Gefolge und Berater(n) im Schlaraffenland suhlen. Im Fernseh-Vergleich geht die deutsche Bundesliga (2,5 Milliarden Euro für vier Jahre) baden.
Der Kraft von Investoren aus China ist auch der italienische Spitzenklub AC Milan erlegen, der bis zum Ende dieser Transferperiode 200 Millionen Euro ausgeben will. Um wieder in der Königsklasse anzuklopfen. Dort, wo Marketing-Maßnahmen in der Vorbereitung regelmäßig internationale Topklubs nach Asien oder in die USA führen. Dort, wo der Markt noch frisch und noch mehr Kapital erreichbar ist. Sozialromantikern, die den Fußball noch mit Werten wie Solidarität, Gemeinsinn und Fairness assoziieren, steht der Gang zu einem hiesigen Unterhaus-Klub besser zu Gesicht.
Ganz oben geht es wie überall ums große Geld. Der Fußballmarkt ist eine Traumfabrik, gewissermaßen eine falsche Wahrnehmung der Wirklichkeit. Hier werden Helden geboren, die sich über den ganzen Planeten gewinnbringend verkaufen lassen. Und der Glamour, der Typen wie einem Cristiano Ronaldo anhaftet, wird mit Vermögen verknüpft. Dabei wird sogar der exzentrische Weltfußballer ein wichtige(re)s Leben hinter dieser Fassade haben.
Paris Saint-Germain – im Besitz einer Scheichfamilie aus Katar – soll übrigens die Ausstiegsklausel für Brasiliens Kapitän Neymar nicht schrecken. 220 Millionen Euro wären dafür an Barça fällig. Der sich ankündigende Transfer von ÖFB-Teamspieler Marco Arnautovic von Stoke City zu West Ham um kolportierte 27 Millionen Euro mutet in diesem Kontext durchschnittlich an.
Das Maß ist längst verloren gegangen. Deswegen will der chinesische Staat dem Transferwahnsinn mit Legionärsbeschränkungen, verpflichtender Einsatzzeit für junge heimische Spieler oder einer 100-prozentigen Steuer ab einer Transfersumme von 5,8 Mio. Euro gegenwirken. Der Kollektivvertrag für österreichische Profifußballer sieht übrigens 1200 Euro brutto im Monat vor. Für diese Summe binden sich manche nicht einmal mehr die Schuhe. Traurig? In jedem Fall wahr.

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