TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Russlands langer Schatten", von Floo Weißmann

Ausgabe vom 12. Juli 2017

Innsbruck (OTS) - Erstmals gibt es einen konkreten Hinweis auf eine Absprache zwischen dem Team Trump und Russland. Das schürt Zweifel an der Legitimität von Trumps Präsidentschaft und hemmt seine Regierungsfähigkeit.

Seit seinem Amtsantritt schwebt der Schatten Russlands über der Präsidentschaft von Donald Trump. Hat der alte und wieder erstandene Kontrahent auf der Weltbühne die amerikanische Wahl beeinflusst und Trump zu seinem unerwarteten und knappen Sieg verholfen? Gab es im Wahlkampf sogar eine Koordination zwischen Russland und dem Team Trump?
Trump weiß, dass es um die Legitimität seiner Präsidentschaft und um seine Regierungsfähigkeit geht. Deshalb schlägt er seit Monaten um sich. Er hat die Vorwürfe geleugnet oder heruntergespielt, Kritiker attackiert, Blendgranaten geworfen und versucht, die Aufklärung zu hintertreiben. Zuletzt inszenierte er sogar ein Treffen mit Kremlchef Wladimir Putin, als sei nichts gewesen. Das hat selbst viele seiner Parteigänger noch misstrauischer gemacht.
Wenige Tage nach der merkwürdigen Begegnung in Hamburg wächst sich die schwelende Russland-Affäre nun offenbar zu einem Skandal aus. Nach Recherchen der New York Times gibt es erstmals einen konkreten Hinweis auf eine Wahlkampf-Absprache zwischen dem Team Trump und einer Mittelsfrau der russischen Regierung. Die Enthüllung belastet vor allem den ältesten Sohn des Präsidenten, Donald Trump Jr.; aber auch der umtriebige Schwiegersohn Jared Kushner soll dabeigewesen sein.
Die Rückversicherung des Präsidenten war bisher, dass die meisten Wähler ihm die Treue gehalten haben. Auch deshalb, weil viele ihre Informationen direkt von ihm oder von gleichgesinnten Medien beziehen. Sie halten die Russland-Affäre und andere Probleme des Präsidenten für Intrigen der verhassten Eliten, liberalen Medien und politischen Gegner. Darin setzt sich auch das Narrativ von Trumps Wahlkampf fort, wonach er für die Zukurzgekommenen und Betrogenen einsteht.
Doch Trump hat die Loyalität des republikanischen Lagers nicht gepachtet. Der jüngsten Enthüllung werden weitere folgen. Sie dominieren die öffentliche Debatte und können zu weiteren Absetzbewegungen gegen den Präsidenten führen – an der Parteibasis ebenso wie unter Kongresspolitikern und Mitarbeitern, die mit Blick auf die eigene Zukunft nicht mehr mit Trump assoziiert werden wollen. Inhaltlich geht ohnehin schon seit Langem nichts mehr weiter, das Weiße Haus kämpft vor allem Abwehrschlachten in eigener Sache. Vizepräsident Mike Pence soll sich bereits organisatorisch und finanziell auf einen eigenen Wahlkampf vorbereiten. Auch er scheint nicht mehr daran zu glauben, dass sein Chef dem Schatten Russlands noch entkommen kann.

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