Gewerbe und Handwerk: Labile Konjunktursituation erfordert zielgerichtete Maßnahmen

Neuer Wettbewerbsrahmen durch Gewerbeordnung und Mindestlohn-Einigung – Arbeitsflexibilisierung würde wichtige rechtliche Basis für Betriebe bringen

Wien (OTS) - „Die Herausforderungen, denen sich die Betriebe in Gewerbe und Handwerk stellen, werden nicht kleiner. Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern entwickeln sich deutlich besser als Kleinbetriebe unter 10 Mitarbeitern. Wir haben also insgesamt eine labile Konjunktursituation. Die Reform der Gewerbeordnung und die Mindestlohn-Einigung ergeben einen neuen Wettbewerbs-Rahmen, der arrivierte Betriebe nicht schlechter stellen darf“, betonte heute, Dienstag, die Obfrau der Bundessparte Gewerbe und Handwerk, Renate Scheichelbauer-Schuster, im Rahmen der Konjunkturpressekonferenz in Wien gemeinsam mit dem Direktor der KMU-Forschung Austria, Walter Bornett. In den vergangenen Jahren ist die Schere zwischen Kleinbetrieben und KMU immer weiter aufgegangen, so Bornett. Mit unter 10 Mitarbeitern seien diese Betriebe die tausenden kleinen Punkte auf der Landkarte, ohne die Österreich sehr leer wirken würde. Aus seiner Sicht sei es daher jetzt, da gesamtwirtschaftlich die Konjunktur anspringt, umso wichtiger, diese Kleinbetriebe zu unterstützen.

Sowohl Scheichelbauer-Schuster als auch Bornett forderten in diesem Zusammenhang, dass der Handwerkerbonus in der vorliegenden Form mit einer Dotierung von 20 Millionen Euro weitergeführt wird. „Angesichts der Mittel, die in andere Bereiche fließen und die sich in hohen dreistelligen Millionenbereichen bewegen, sollte man auch an die Substanz unseres Wirtschaftsstandortes denken. Der Handwerkerbonus liefert wesentliche Impulse: Sowohl Österreichs Konsumenten als auch die Betriebe profitieren. Da die wirtschaftliche Situation der Kleinbetriebe sich noch nicht wie gewünscht entwickelt, sollte eine Entscheidung über eine Verlängerung oder sogar Höherdotierung so rasch wie möglich fallen“, so Scheichelbauer-Schuster.

In Hinblick auf die Reform der Gewerbeordnung betonte die Obfrau, dass die Kostenentlastung für die Betriebe ein „sehr positiver Aspekt“ sei. In Hinblick auf die neuen Möglichkeiten, die sich durch die Ausweitung der Nebenrechte und die Gewerbelizenz ergeben, zielt die Bundessparte auf eine Evaluierung der Regelung in zwei bis drei Jahren um erste Effekte darstellen zu können. Die Fachorganisationen werden jedenfalls ihre Maßnahmen verstärken, um den Betriebe mehr und zielgenaueres Service in Hinblick auf die neue Gewerbelizenz zu bieten. Was die Einführung eines Mindestlohns von 1.500 Euro betrifft, wies Scheichelbauer-Schuster darauf hin, dass nach wie vor Branchen wie die Mode- und Bekleidungstechnik, Konditoren oder die Floristen betroffen sind: „Lohnsteigerungen von bis zu 30 Prozent in zwei Jahren sind kein Klacks. Die Kommission zur Evaluierung des Umsetzungsstandes nach 2020 ist jedenfalls ein guter Schritt“. In Hinblick auf eine Flexibilisierung der Arbeitszeit hätte das am Tisch gelegene Verhandlungsergebnis den Betrieben vor allem einen wichtigen neuen rechtlichen Rahmen gebracht, um anfallende Arbeit tatsächlich abarbeiten zu können. Auch WIFO-Chef Christoph Badelt hatte am Wochenende darauf hingewiesen, dass „die gegenwärtige Arbeitszeitregelung eine der größten Standortschwierigkeiten [ist]“. Aus Sicht von Gewerbe und Handwerk ist daraus ein klarer Arbeitsauftrag abzulesen, dieses Thema in den weiteren Verhandlungen auszuarbeiten.

     

Handlungsbedarf bei Maßnahmen gegen Lohn- und Sozialdumping


Handlungsbedarf ortet die Obfrau angesichts der nun neu geschaffenen Rahmenbedingungen, was die wirksame Durchsetzung des Lohn- und Sozialdumpinggesetzes betrifft. Die Lohnschere zwischen Österreich und Ungarn (24 % des österreichischen Einkommens) sowie Slowenien (45 % des österreichischen Einkommens) ist in den vergangenen elf Jahren gleichgeblieben, so Bornett. Genau das sind jene Nachbarländer, aus denen der größte Wettbewerbsdruck auf die Klein- und Mittelbetriebe im Baubereich bzw. Dienstleistungsbereich kommt. Der nun paktierte Mindestlohn in Höhe von 1,500 Euro werde dieses Ungleichgewicht noch weiter verschärfen. Deshalb sollte es hier rasch zur Schaffung eines europaweiten vollelektronischen Kontrollsystems zur Abfrage der SV-Meldung von im Ausland sozialversicherten Arbeitnehmern kommen, fordert Renate Scheichelbauer-Schuster.


Konjunktursituation der Betriebe driftet auseinander


Die Konjunktur der Gewerbe und Handwerk driftet auseinander: Während klassische KMU mit 20 Mitarbeitern und mehr langsam Fahrt aufnehmen, entwickelt sich Kleinstbetriebe nicht wie erwartet, so Walter Bornett. Aktuell sind die Auftragseingänge bzw. Umsätze im 1. Quartal 2017 gegenüber dem 1. Quartal 2016 wertmäßig um 1,5 % gestiegen. Zum Vergleich: Im Handel liegt die nominelle Entwicklung in diesem Zeitraum bei 7 Prozent, bei den Dienstleistungen bei 2,8 Prozent.

22 % der Betriebe in Gewerbe und Handwerk melden für das 1. Quartal 2017 Steigerungen um durchschnittlich 11,7 %, bei 58 % der Betriebe lagen die Auftragseingänge auf Vorjahresniveau und 20 % der Betriebe verzeichneten Rückgänge um durchschnittlich 13,9 %. Nach Branchen verzeichnen die investitionsgüternahen Branchen (plus 6,6 Prozent) ein besseres Ergebnis im 1. Quartal als der konsumnahe Bereich.

Für das 2. Quartal beurteilen 26 % der Betriebe die Geschäftslage mit ''gut'' (Vorjahr: 21 %), 59 % mit ''saisonüblich'' (Vorjahr: 54 %) und 15 % der Betriebe mit ''schlecht'' (Vorjahr: 25 %), was insgesamt zu einer verbesserten Einschätzung der Konjunktur führt, die sich aber – angesichts der Erwartungshaltung für das 3. Quartal – wieder abschwächt. Positiv zu werten ist, dass die Betriebe insgesamt wieder von einer leicht erhöhten Situation der Personalplanung ausgehen (plus 2,6 Prozent).

Nach Branchen vermelden im investitionsgüternahen Bereich der Holzbau, Bau, Metalltechniker und Elektriker mit jeweils um die 10 Prozent einen deutlich erhöhten Auftragsbestand gegenüber dem Vergleichsquartal des Vorjahres. Im konsumnahen Bereich erwarten Fotografen, Gesundheitsberufe und Mechatroniker höhere Umsätze für das 2. Quartal 2017. Auch für das 3. Quartal bleiben die Erwartungen an die Konjunktur im Holzbau hoch, Kunststoffverarbeiter und Lebensmittelgewerbe nehmen an Fahrt auf. Stattdessen schrauben Fotografen, die chemischen Gewerbe und Fußpfleger ihre Erwartungen deutlich nach unten. Der Personalbedarf ist in folgenden Branchen besonders hoch: Hafner, Holzbau, Gärtner und Floristen, Bau, Dachdecker/Spengler/Glaser. (PWK580/US)

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