Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 27. Juni 2017; Leitartikel von Peter Nindler: "Reifeprüfung in Etappen"

Innsbruck (OTS) - Die Zentralmatura ist ein bildungspolitischer Fortschritt, aber die Rahmenbedingungen für eine Verbesserung der Reifeprüfung hinken noch nach. Und sie bleibt dennoch lediglich ein Mosaikstein im heimischen Bildungswesen.

Die Bildungspolitik in Österreich hantelt sich seit Jahren von einer Ruhelosigkeit zur anderen. Zwischen eine „Sowohl als auch“-Bildungsreform und das Gezerre um Modellregionen für die Gesamtschule der 10- bis 14-Jährigen gesellten sich gestern wieder einmal die Ergebnisse der Zentralmatura. Gott sei Dank sind heuer die Noten überwiegend besser, die Aufregung fällt deshalb gedämpfter aus. Nach den fortgesetzten Pleiten, Pech und Pannen wurde schließlich alles unternommen, um die alarmierenden Ergebnisse aus dem Vorjahr, insbesondere in Mathematik, halbwegs auszumerzen. Mit Sonderprogrammen und standortbezogener Lehrerfortbildung werden „schwache Schulen“ an die Reifeprüfung-Standards herangeführt. In der Selbstreflexion muss es jedoch den Bildungsexperten und -politikern bewusst sein, dass sich ein jahrzehntelanges und individuell geprägtes Matura-System nicht innerhalb von zwei bzw. drei Jahren in ein auch notenmäßig reibungslos funktionierendes Verfahren umwandeln lässt. Zumal es in Österreich immerhin 342 allgemeinbildende und 325 berufsbildende höhere Schulen mit nach wie vor unterschiedlichen Zugängen zur Wissensvermittlung gibt. Lehrerfort- und -ausbildung, eine zeitgemäße schulische Infrastruktur, gezielte Lernförderung oder regelmäßige Kompetenzchecks sind weiterhin notwendige Begleitinstrumente, um die Maturanten an ein einheitliches Niveau heranzuführen. Und gleichzeitig den vorhandenen Gender-Gap (Geschlechter-Unterschied) in einzelnen Schulfächern zu überwinden. Die einheitliche Pädagogenausbildung wird ebenfalls für eine Verbesserung sorgen. Aber machen wir uns nichts vor: Zu lange wurde in Österreich ein verzahntes Bildungssystem ignoriert, das im Kindergarten beginnt und mit der Matura oder dem Abschluss der Berufsschule bzw. einer mittleren Schule ein wichtiges Etappenziel erreicht. Die ideologieverkrampfte Debatte, ob vielleicht eine in Modellregionen erprobte Gesamtschule Bildungschancen und in letzter Konsequenz den Notenschnitt verbessert, ist Ausfluss davon.
Und noch etwas sollte uns in aller Besonnenheit klar sein: Das Maturazeugnis ist oft nur noch die Eintrittskarte für die nächste Hürde: Also willkommen beim Mediziner-Aufnahmetest oder den Ausleseverfahren für einzelne Studiengänge an Universitäten und Fachhochschulen. Die Zentralmatura ist das eine. Bildung und das Abrufen von relevantem Wissen sind jedoch mehr als nur eine Note im Zeugnis, vielmehr die zentralen Herausforderungen für unser Bildungswesen.

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