Wechselberger: „Gesetz rund um Primärversorgung nicht über den Zaun brechen“ (2)

Österreichische Ärztekammer kritisiert Schnellschuss der Politik

Wien (OTS) - Einen so wichtigen Bereich wie die Gesundheitsreform ohne Rücksicht auf die vielen fundierten, kritischen Stellungnahmen und ohne Debatte durch das Parlament zu jagen, sei nicht akzeptabel, so Artur Wechselberger, Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), im Zuge einer Pressekonferenz am Mittwoch.

Wechselberger kritisierte die Auswirkungen des Gesundheitsreformumsetzungsgesetzes (GRUG). Dieses regelt u.a. die Primärversorgung und soll in einer Sondersitzung des Nationalrates als Initiativantrag eingebracht und noch vor dem Sommer beschlossen werden.

Auch die wohnortnahe Versorgung sei ein wunder Punkt. „Wir wissen aus Befragungen, dass die Wohnortnähe für die Bevölkerung enorm wichtig ist. Der Hausarzt ist für einen Großteil der Menschen in Österreich nach wie vor die erste Anlaufstelle bei gesundheitlichen Problemen“, führte Wechselberger aus. Aus ÖÄK-Sicht könnten Zentren allenfalls in Ballungsräumen die Versorgung sinnvoll ergänzen. Österreich sei aber ländlich bis kleinstädtisch strukturiert. Davon abgesehen würden die Ärzte, die bereit wären, ihre Praxen für die Arbeit in einem Zentrum aufzugeben, als wohnortnahe Hausärzte an ihrem früheren Standort fehlen, warnte Wechselberger. Sollten sich nicht genügend freiberufliche Ärzte zur Gründung von Primärversorgungseinheiten finden, würden stattdessen Ambulatorien, z.B. von Krankenkassen, die Versorgung übernehmen.

Keine Einbindung der nichtärztlichen Gesundheitsberufe

„Im Mittelpunkt der Primärversorgung steht der unabhängige Hausarzt, idealerweise in enger Zusammenarbeit mit anderen Ärzten und nichtärztlichen Gesundheitsberufen. Das Gesetz würde jedoch die Kooperation aller anderen Gesundheitsberufe wesentlich erschweren", sagte der ÖÄK-Präsident. Zeitgemäße Primärversorgung setze aber ein ausreichendes Angebot an nichtärztlichen Gesundheitsberufen voraus. Hier werde eine wichtige Chance auf moderne und bessere Patientenversorgung verspielt, so Wechselberger.

Keine Anstellung von Ärzten

Der aktuelle Gesetzesentwurf sehe keine Anstellung von Ärzten in PVE vor, wie sie die ÖÄK schon seit Jahren für Gruppenpraxen fordere. Dass Gruppenpraxen bis heute keine ausreichende Akzeptanz finden, liege auch daran, dass dort keine Ärzte angestellt werden dürfen. Das solle jetzt gegen jede Logik auch für PVE gelten. „Die Anstellung ist ein wesentlicher Anreiz, um jene Ärztinnen und Ärzte zu gewinnen, die das unternehmerische Risiko einer Praxisgründung nicht auf sich nehmen oder nicht in Vollzeit tätig sein wollen“, so Wechselberger.

Weniger ist NICHT mehr

Bei der Pressekonferenz wiederholte Wechselberger das Forderungsprogramm der Ärzteschaft, das im Zuge der Informationskampagne „Gesundheit! Weniger ist NICHT mehr" ausgearbeitet wurde:

•Keine weiteren Einsparungen sondern mehr Mittel für einen großzügigen Ausbau der Primärversorgung.
•Ein breites wohnortnahes Angebot und individuelle Wahlmöglichkeiten statt einheitlicher Staatsmedizin.
•Das, was im Gesundheitssystem gut funktioniert, endlich ausbauen und weiterentwickeln: Tausende engagierte Hausärztinnen und Hausärzte erbringen trotz widriger Rahmenbedingungen ausgezeichnete Versorgungsleistungen. Sie müssen unterstützt werden!

„Wir Ärztinnen und Ärzte wollen die Zukunft gestalten, und zwar als Angehörige eines freien Berufs. Wir brauchen Reformen, die sich nach den Bedürfnissen der Bevölkerungen sowie den Möglichkeiten der Wissenschaft und Medizin richten. Schnellschüsse und über den Zaun gebrochene Aktionen der Politik werden uns nicht nachhaltig weiterbringen“, so der ÖÄK-Präsident abschließend. (bs) (Schluss)

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