Zukunftsgespräche an der FH Campus Wien: „Kritisch bleiben und selbst bestimmen!“

Wien (OTS) - Technik allein könne menschliche Probleme nicht lösen, sagt Giovanni Maio. Auf den ersten Blick würden wir der Technik zwar gerade in der Medizin viel verdanken. Sie mache den Menschen aber auch zu einem Gefangenen des technisch Machbaren, ist der Freiburger Medizinethiker überzeugt. Warum, das erklärte er am 17. Mai bei den „Zukunftsgesprächen“ der FH Campus Wien, die der Frage nach den Grenzen des menschlichen Lebens nachgingen.

Technik sei, so Professor Maio, eine gedankliche Zugangsweise, ein Ausdruck der Werte einer Gesellschaft, das Resultat einer Sicht der Welt: „Technik verkörpert eine bestimmte Vorstellung von der Welt und verändert diese Vorstellung gleichzeitig.“

Technik als Lebensform

Technik mache die Welt scheinbar handhabbar, sie reduziere Komplexität und führe zu Standardisierung. Technik werde – ohne zu hinterfragen – zur Normalität, obwohl sie nur eine von vielen Handlungsmöglichkeiten sei. Die Bereitstellung von technischen Möglichkeiten sei eine Aufforderung, sie auch zu nutzen: Technik müsse angewendet werden und das verändere die Wahrnehmung der Welt. Technik entlaste, Entscheidungen müssten nicht mehr überlegt werden, sie würden dem Individuum abgenommen. Technik werde zu einem Automatismus und führe zu immer mehr Technik. Sie „entzaubere“ die Welt: Technik reduziere das Vorhandene auf das Gebrauchtwerden, die Welt habe nur mehr einen instrumentellen Wert und das verändere den Umgang mit Leben. Die Welt werde durch Technik zu einer „Bearbeitungsaufgabe“ und das Leben reduziert auf das, was man machen könne.

Medizin im Machbarkeitssog

Giovanni Maio kommt zu dem Schluss, dass „Technik den Blick auf die Dinge verstellt“. Sie schaffe eine Distanz zum Leben. Die Frage nach den Grenzen der technischen Machbarkeit sei eine Haltungsfrage: „Es geht nicht um eine pauschale Machbarkeitskritik, sondern vielmehr darum, in einer technischen Welt durch Reflexion die Haltung zu den Dingen zu verändern und neben dem Machenkönnen auch das Annehmenkönnen zu erlernen.“ Er empfiehlt, ein kritisches Bewusstsein im Umgang mit Technik zu entwickeln, das Mögliche kritisch zu reflektieren und das Leben nicht auf seine technische Logik zu reduzieren.

Über die konkreten Auswirkungen und Grenzen eines technischen Zugangs auf das menschliche Leben diskutierten im Anschluss – moderiert von der Ö1-Wissenschaftsjournalistin Elke Ziegler – die ExpertInnen der FH.

Wunsch und Wirklichkeit

Vom Standpunkt des Biotechnologen und Zellforschers aus betrachtet seien die Grenzen des medizinisch und technisch Machbaren noch lange nicht erreicht. „Die Machbarkeit ist in vielen Dingen nicht so stark ausgeprägt, wie oft angenommen wird“, sagt Thomas Czerny. Was im Labor möglich und machbar sei, funktioniere, wenn überhaupt, oft erst Jahrzehnte später im therapeutischen Alltag, so der Forscher: „Die hohen Risiken der Techniken limitieren ihre Anwendbarkeit beträchtlich.“

Gemeinsam entscheiden

„Technik ja, wenn sie hilft“, bringt es Elisabeth Haslinger-Baumann auf den Punkt. Für die Pflegewissenschaftlerin muss unbedingt geklärt sein, wer entscheidet, was hilft. Bevor Technik in der Pflege und Betreuung zum Einsatz komme, müssten in partizipativen Verfahren gemeinsam mit Betroffenen, Angehörigen und Pflegepersonal die konkreten Bedürfnisse erhoben werden: „Technische Unterstützung darf die Grenze zur Entmündigung nie überschreiten, genau so wenig wie sie als Ersatz für persönliche qualitätsvolle Zuwendung eingesetzt werden soll.“

Choosing wisely

„Wir brauchen Technik in der Medizin. In der Schmerztherapie und vielen anderen Bereichen“, sagt Franz Kolland. Für den Soziologen steht fest: „Im Zuge des Älterwerdens greifen früher oder später sowieso alle zu technischen Hilfsmitteln.“ Differenziert sieht er die Bedeutung von Technik an der Grenze, d.h. am Ende eines Lebens. Hier sei Reflexion besonders wichtig und Technik oft wenig nützlich. Das „medizinische Getöse“ sollte an diesem Punkt des Lebens reduziert werden.

Aktiv und selbstbestimmt

Über die Grenzen des menschlichen Lebens nachzudenken, heißt für Silvia Mériaux-Kratochvila, sich auch mit den Grenzen des menschlich Erreichbaren auseinander zu setzen. Diese Grenzen seien individuell und lägen für jedeN woanders. „Als TherapeutInnen müssen wir unsere PatientInnen dazu bringen, gerne und freudvoll aktiv zu sein. Sie dürfen sich nicht allein auf die Medizin und ihre technischen Möglichkeiten verlassen, sondern selbst die eigene Gesundheit gestalten“, so die Leiterin des Departments Gesundheitswissenschaften. Technik könne dabei unterstützen, den Dialog und die Interaktion aber niemals ersetzen.

Künstlerisch entgrenzt

Die Zukunftsgespräche der FH Campus Wien werden von einer Ausstellung der österreichischen Künstlerin Karin Mairitsch begleitet. Unter dem Titel „Entgrenzt. magisch. handzahm. vergessen.“ greift sie in drei Zyklen und über 70 Werken die Frage nach den Grenzen des Wohlstands, des menschlichen Lebens und der Technik auf. Die Ausstellung wurde im November 2016 eröffnet und ist noch bis Ende 2017 an der FH Campus Wien zu sehen. 

Link zur Ausstellung

Zukunftsgespräche an der FH Campus Wien

Die Mission der FH Campus Wien ist es, Zukunft mit Bildung zu gestalten. Die Veranstaltungsreihe „Zukunftsgespräche“ der FH Campus Wien greift diesen Anspruch unmittelbar auf. Namhafte Gäste aus dem In- und Ausland diskutieren mit den ExpertInnen der FH über die aktuellen Herausforderungen der Menschheit und die Grenzen, an die man bei deren Lösung bisweilen stößt. Die Zukunftsgespräche suchen nach Ansätzen für die Zukunft und bieten Raum für öffentlichen Diskurs. Thema der Zukunftsgespräche am 17. Mai 2017 waren „Die Grenzen des menschlichen Lebens“.

Die Zukunftsgespräche finden alljährlich im Frühjahr und im Herbst statt. Die nächste Veranstaltung ist im November 2017 geplant und wird sich den Grenzen der Technik widmen.

FH Campus Wien

Mit rund 5.800 Studierenden ist die FH Campus Wien die größte Fachhochschule Österreichs. In den Departments Applied Life Sciences, Bauen und Gestalten, Gesundheitswissenschaften, Pflegewissenschaft, Public Sector, Soziales und Technik steht ein Angebot von 60 Bachelor- und Masterstudiengängen sowie Masterlehrgängen in berufsbegleitender und Vollzeit-Form zur Auswahl.

Rückfragen & Kontakt:

FH Campus Wien
Mag.a Petra Undesser
Unternehmenskommunikation
+43 1 606 68 77-6404
petra.undesser@fh-campuswien.ac.at
www.fh-campuswien.ac.at
> Besuchen Sie unseren neuen Press Room: www.fh-campuswien.ac.at/pressroom

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | FHC0001